
Wenn ich heute auf das Regal schaue, auf dem sie alle nebeneinanderstehen, dann sehe ich nicht einfach sechs Keramikgefäße. Ich sehe eine kleine Versammlung von Gesichtern, die über die Zeit hinweg entstanden sind – jedes zu einem anderen Moment, mit einer anderen Stimmung, aus einer anderen inneren Notwendigkeit heraus geformt. Sie stehen jetzt zusammen wie eine Familie, die sich nie verabredet hat, ähnlich auszusehen, und die doch unverkennbar zusammengehört. Ich möchte euch heute durch diese Galerie führen, jeden Kopf kurz vorstellen und am Ende zusammenfassen, was mich diese Arbeit über all die Monate hinweg gelehrt hat.
Der Anfang: ein Gesicht, ein Gedanke, eine Geste
Jeder dieser Köpfe begann auf dieselbe Weise – mit einem Klumpen Ton in meinen Händen und ohne Skizze, ohne Plan, ohne Bild im Kopf, das ich hätte nachbauen wollen. Ich forme intuitiv, Schicht für Schicht, und lasse das Gesicht sich selbst finden. Erst entsteht die Grundform des Kopfes, dann kommen die Augen, die für mich immer der Moment sind, in dem aus Ton plötzlich ein Gegenüber wird. Ab da verändert sich die Arbeit: Ich forme nicht mehr nur, ich reagiere. Das Gesicht beginnt, mir etwas zu sagen, und ich folge ihm.
Erst danach, wenn der Kopf gebrannt und bemalt ist, kommt der zweite Teil meiner Arbeit, der mir mindestens genauso viel bedeutet: die Krone. Manche meiner Köpfe tragen gemalten oder plastisch geformten Schmuck aus Ton – Blätter, Blüten, Perlen. Andere sind offene Gefäße, die ich mit echten Pflanzen bestücke, sodass sich ihr „Haar” mit den Jahreszeiten verändert. Diese Verbindung von Dauerhaftem und Vergänglichem ist mir sehr wichtig geworden. Der Kopf bleibt, das Grün wechselt.
Die Rote mit dem Kopftuch – die Erste ihrer Art
Ganz links in meiner Reihe steht die Kopfvase mit dem leuchtend roten, drapierten Tuch und der bunten, fast folkloristischen Krone aus kleinen bemalten Formen. Sie war eine der ersten, mit denen ich mich von reinen Gesichtsstudien hin zu ganzen Figuren mit Kleidung und Textilcharakter bewegt habe. Das Tuch, das sich über ihre Schultern legt, wollte ich nicht starr und geometrisch, sondern weich und fließend, fast so, als würde der Stoff im Wind stehen. Ihre Farbigkeit ist mutig, fast trotzig – Rot, Orange, ein Hauch Blau im Tuch darunter. Sie war für mich ein Statement: dass Keramik nicht zurückhaltend sein muss.

Die Kleine mit den violetten Blüten
Direkt daneben steht die zweite, deutlich zierlichere Figur mit dem grünen Gewand und dem Kranz aus violetten und blauen Anemonen. Sie ist die Stillste in der Reihe, fast introvertiert im Ausdruck, mit einem sanften, nach innen gerichteten Blick. Ich habe sie bewusst kleiner gehalten als die anderen, fast wie eine jüngere Schwester inmitten der Gruppe. Die Blütenkrone bringt bei ihr keinen lauten Auftritt, sondern eine leise, poetische Note. Wenn ich sie ansehe, denke ich oft an erste zarte Frühlingsmorgen.
Die Efeuwilde – üppig, wild, überbordend
In der Mitte der Reihe thront die auffälligste Figur: der Kopf mit dem dichten Kranz aus grünem Efeu und leuchtend gelben Blüten, der sich bis über die Schultern zieht. Sie ist die Wildeste, die Üppigste. Beim Formen dieses Kopfes habe ich mich bewusst nicht zurückgehalten – Blatt um Blatt, Ranke um Ranke habe ich aufgetragen, bis das Gesicht fast aus dem Grün herauswachsen musste, um überhaupt sichtbar zu bleiben. Ihre Augen sind wach, fast herausfordernd, ihr Mund in klarem Rot. Sie repräsentiert für mich jene Phase meiner Arbeit, in der ich verstanden habe, dass Überfülle auch eine Form von Klarheit sein kann, wenn sie aus echter Notwendigkeit entsteht.
Die mit dem echten Tannengrün
Der vierte Kopf in der Reihe ist derjenige, der sich am stärksten mit der Natur selbst verbindet, weil ich ihn tatsächlich als offenes Gefäß angelegt habe – bestückt mit echten Tannenzweigen, kleinen Beeren und einer einzelnen grünen Kugel wie ein winziger Christbaumschmuck. Dieser Kopf verändert sich mit den Jahreszeiten, je nachdem, was ich gerade hineinstelle. Im Moment trägt sie winterliches Grün, im Frühling wird sie vielleicht Zweige mit ersten Knospen tragen. Ihr Gesicht ist ruhiger gestaltet als das der Efeufigur, mit sanft geschwungenen Brauen und einem beinahe meditativen Ausdruck. Sie ist mein liebstes Beispiel dafür, wie Keramik und lebendige Natur miteinander atmen können.
Die mit den Birnen und den pinken Blüten
Die fünfte Figur trägt eine ungewöhnliche Kombination: kleine gelbe Zierbirnen, die wie Perlen um ihren Kopf und Hals drapiert sind, gekrönt von einem Büschel leuchtend pinker und violetter Blüten. Sie ist von der Statur her wieder kleiner, fast zerbrechlich, aber die Farbkombination macht sie zu einem echten Ausrufezeichen in der Reihe. Beim Formen habe ich viel mit der Anordnung der kleinen Birnenformen experimentiert, bis sie wie eine Kette wirkten und nicht wie zufällig aufgesetzte Elemente. Diese Figur zeigt mir immer wieder, wie sehr Details – so klein sie auch sind – den Gesamtcharakter eines Werkes bestimmen können.
Die Blaue – zurückhaltend und doch präsent
Ganz rechts, etwas angeschnitten am Bildrand, steht die Figur mit dem türkisblauen Tuch, das sich weich über eine Schulter legt. Sie ist noch nicht vollständig bepflanzt oder bekrönt – ein Gefäß, das noch auf seine Fülle wartet, so wie ein Satz, der noch nicht zu Ende gesprochen ist. Gerade das gefällt mir an ihr: Sie erinnert mich daran, dass nicht jedes Werk sofort fertig sein muss, um schon Bedeutung zu haben. Ihr Gesicht mit den warmen Brauntönen und dem klaren roten Mund hat dieselbe Sorgfalt bekommen wie alle anderen, auch wenn ihre Krone noch aussteht.

Was die Gruppe als Ganzes erzählt
Wenn ich jetzt einen Schritt zurücktrete und die ganze Reihe betrachte, fällt mir vor allem eines auf: Keine der Figuren gleicht der anderen, und doch spricht aus jeder dieselbe Handschrift. Es sind dieselben leicht überzeichneten Augen, derselbe klar konturierte rote Mund, dieselbe Haltung des Kopfes – leicht erhoben, als würden sie alle in dieselbe Richtung blicken. Das war nie geplant, es hat sich einfach aus meiner Art zu arbeiten ergeben. Vielleicht ist genau das die Definition eines eigenen Stils: nicht die Wiederholung eines Musters, sondern die Wiedererkennbarkeit einer inneren Haltung, die sich in immer neuen Formen ausdrückt.
Die Reihe zeigt mir auch meine eigene Entwicklung. Von der ersten, mutig-bunten Figur mit dem Tuch bis zur zurückhaltenden Blauen am Ende liegt ein Weg des Ausprobierens, des Scheiterns, des Weiterlernens. Manche Köpfe sind mir beim ersten Versuch gelungen, andere musste ich mehrfach überarbeiten, bevor das Gesicht „stimmte”. Ich glaube, das ist bei kreativer Arbeit fast immer so: Man sieht am fertigen Ergebnis nicht, wie viele Anläufe es gebraucht hat, um dorthin zu kommen.
Ton und Pflanze – eine Beziehung, die mich trägt
Was mich an diesem Projekt am meisten fasziniert, ist die Verbindung zwischen dem Dauerhaften und dem Lebendigen. Der Ton ist gebrannt, glasiert, für Jahrzehnte haltbar. Die Pflanzen, die ich hineinsetze, sind vergänglich, sie welken, ich tausche sie aus, ich passe sie den Jahreszeiten an. Dadurch verändern sich meine Köpfe ständig, ohne dass ich noch einmal Hand an sie legen müsste. Im Frühling können sie Anemonen und Traubenhyazinthen tragen, im Sommer vielleicht Rosen oder Lavendel, im Winter Tannengrün und Beeren. Die Gesichter bleiben gleich, aber ihr „Ausdruck” verändert sich mit dem, was ich ihnen aufsetze. Das gibt mir als Künstlerin eine Art von Weiterarbeit, die nie ganz abgeschlossen ist – ich finde das sehr schön.
Ein vorläufiges Fazit
Diese Galerie der Köpfe ist für mich mehr als eine Sammlung von Objekten. Sie ist ein Tagebuch aus Ton. Jede Figur trägt die Stimmung, die Fragen und manchmal auch die Unsicherheiten der Zeit in sich, in der sie entstanden ist. Zusammen auf dem Regal erzählen sie eine Geschichte des Ausprobierens, des Mutigerwerdens, des genauen Hinsehens. Ich weiß noch nicht, wie viele weitere Köpfe noch dazukommen werden. Aber ich weiß, dass jeder neue mit derselben Offenheit entstehen wird wie die sechs, die schon hier stehen – ohne Skizze, ohne festen Plan, nur mit der Bereitschaft, dem Gesicht zuzuhören, das aus dem Ton entstehen will.
Für mich ist genau das der Kern meiner künstlerischen Arbeit: nicht die Perfektion eines einzelnen Werkes, sondern die Ehrlichkeit eines fortlaufenden Prozesses, bei dem jede Figur ein kleines Stück von mir selbst in sich trägt – und gleichzeitig genug Raum lässt, um von jedem, der sie betrachtet, mit eigenen Erinnerungen und Gefühlen gefüllt zu werden.
Brigitte Seidl
