Es gibt Projekte, die beginnen mit einer Skizze, mit einem Plan, mit einer klaren Vorstellung davon, wohin die Reise geht. Und dann gibt es Projekte wie dieses: ein Klumpen Ton auf meinem Arbeitstisch, meine Hände, die einfach anfangen – und ein Gesicht, das sich Stück für Stück selbst erschafft, während ich zusehe und mitforme. Diese Kopfvase, dieses kleine Gefäß mit dem Antlitz einer Frau, ist genau so entstanden. Kein Entwurf auf Papier, kein Modell, dem ich hätte folgen müssen. Nur Ton, meine Finger und die Frage, wer aus diesem Material heraustreten will.
Der erste Moment: Ton ohne Absicht
Ich habe nie gelernt, mit Vorzeichnungen zu arbeiten, und ich glaube, das ist einer der Gründe, warum meine Arbeiten – ob gemalt oder geformt – immer etwas Ungeplantes, Lebendiges in sich tragen. Als ich mit diesem Kopf begann, hatte ich keine Ahnung, ob am Ende ein Mann oder eine Frau entstehen würde, ob das Gesicht ernst oder heiter aussehen würde, ob es überhaupt ein Gesicht werden würde. Ich habe die Grundform aufgebaut wie ein Gefäß – zylindrisch, offen nach oben – und erst danach begann sich aus dieser Hülle langsam eine Physiognomie herauszuschälen. Nase, Augenhöhlen, Wangenknochen: Alles entstand aus dem Drücken, Ziehen und Glätten des feuchten Tons, aus einem Dialog zwischen meinen Händen und dem Material, der sich nicht erzwingen lässt.
Das ist für mich der eigentliche Zauber der Bildhauerei im Vergleich zur Malerei: Während ich beim Malen mit Fläche und Farbe arbeite, arbeite ich hier mit echtem Volumen, mit etwas, das man von allen Seiten betrachten kann und das sich unter den eigenen Fingern anfühlt wie eine Art Geburt. Der Ton war noch grau und feucht, kühl und formbar, und in diesem Stadium war alles möglich. Diese Offenheit, dieses Nicht-Wissen, wohin es führt, ist etwas, das ich in fast allen meinen Arbeiten suche – ob mit Pinsel, Spachtel oder eben mit den Händen direkt im Material.
Locken, ein Hut und eine Persönlichkeit, die entsteht
Nachdem das Grundgesicht seine Form gefunden hatte, kam die Phase, die mir am meisten Freude bereitet: die Details, die aus einem bloßen Gesicht eine Persönlichkeit machen. Ich habe kleine Tonkugeln gerollt und sie zu Locken aufgereiht, die sich rechts und links des Gesichts wie eine Kaskade herabziehen. Jede einzelne Kugel musste angedrückt, angepasst, in die richtige Position gebracht werden, damit die Reihe lebendig wirkt und nicht mechanisch. Es ist eine meditative Arbeit, dieses Rollen und Andrücken – ähnlich wie beim Filzen meiner Hunde, nur dass hier das Material Widerstand leistet, bis es an der richtigen Stelle sitzt.
Auf dem Kopf thront ein breitkrempiger Hut, fast wie ein Sombrero, mit einer gewellten Krempe und einer kleinen, gerillten Kuppel obenauf. Diesen Hut zu formen, war eine echte Übung in Geduld: Die Krempe musste dünn genug sein, um leicht und schwungvoll zu wirken, gleichzeitig aber stabil genug, um beim Trocknen nicht zu reißen. Ich habe die Oberfläche mit kleinen parallelen Linien texturiert, um den Eindruck von geflochtenem Stroh oder gewebtem Stoff zu erzeugen – ein Detail, das man erst aus der Nähe richtig wahrnimmt, das dem Gesicht aber seinen ganz eigenen Charakter verleiht.
Was mich an diesem Prozess immer wieder fasziniert: Man kann einem unbemalten Tongesicht schon ansehen, welche Stimmung es tragen wird. Die leicht gesenkten Lider, die sanft geschwungenen Brauen, der ruhige, fast nachdenkliche Ausdruck um Mund und Kinn – all das war schon da, lange bevor auch nur ein Tropfen Farbe floss. Ton in seinem rohen, ungebrannten Zustand hat eine ganz eigene Schönheit: erdig, still, konzentriert auf die reine Form ohne jede Ablenkung durch Farbe.
Warten, Brennen, Verwandeln
Zwischen dem Formen und dem Bemalen liegt eine Phase, die man als Bildhauerin nicht überspringen kann, so ungeduldig man auch sein mag: das langsame Trocknen und schließlich der Brand im Ofen. Diese Wartezeit hat mich gelehrt, dem Prozess zu vertrauen – ein Gedanke, der sich durch fast alle meine künstlerischen Arbeiten zieht. Man kann die Entwicklung nicht beschleunigen, ohne Risse und Brüche zu riskieren. Der Ton muss gleichmäßig trocknen, jede Wölbung, jede Locke, jede Kante braucht ihre eigene Zeit.
Als das Stück schließlich aus dem Ofen kam, hatte es sich verändert: härter, heller, bereit für die nächste Verwandlung. Genau in diesem Moment – zwischen dem gebrannten, aber noch unbemalten Zustand und dem fertigen, farbigen Werk – liegt für mich immer eine besondere Spannung. Das Gesicht existiert schon vollständig in seiner Form, aber seine Identität, seine Ausstrahlung, sein Charakter warten noch darauf, durch Farbe geweckt zu werden.
Farbe haucht Leben ein
Und dann kam der Moment, den ich beim Arbeiten mit Ton fast am meisten liebe: das Bemalen. Mit jedem Pinselstrich verwandelte sich das stille, erdfarbene Gesicht in eine Person mit eigenem Ausdruck, mit eigener Geschichte. Ich entschied mich für eine Hautfarbe in warmem Elfenbein, die dem Gesicht sofort Wärme und Lebendigkeit verlieh. Die Augenbrauen erhielten einen satten Braunton, geschwungen und ausdrucksstark, die Augen selbst bekamen einen grünlichen Schimmer mit dunklen Konturen, die dem Blick etwas Wachsames, fast Herausforderndes geben.
Die Lippen habe ich in einem kräftigen, glänzenden Rot bemalt – ein Rot, das sofort ins Auge springt und dem gesamten Gesicht seine Präsenz verleiht. Es erinnert mich an die Farbpalette, die ich auch in meinen Frauenporträts auf Leinwand immer wieder verwende: dieses klassische, zeitlose Rot, das an die eleganten Frauenfiguren der 1920er und 1930er Jahre denken lässt, an Kaffeehausszenen und selbstbewusste Blicke.
Der Hut wurde zum eigentlichen Farbfeuerwerk des Stücks. Ich malte die Krempe in einem leuchtenden Rot, während die gewellte Kuppel in warmem Gelb mit kleinen dunkelgrünen Punkten und Streifen bemalt wurde – ein Muster, das an traditionelle Textilien erinnert, an Marktplätze und südliche Sonne. Die Locken links und rechts des Gesichts erhielten ein sattes, glänzendes Grün, das einen wunderbaren Kontrast zur warmen Hautfarbe und zum kräftigen Rot des Hutes bildet. Diese Farbkombination – Rot, Grün, Gelb, warmes Beige – hat etwas Festliches, fast Karnevaleskes, das dem ganzen Gesicht eine Portion Lebensfreude und Selbstbewusstsein mitgibt.
Ich habe für die Bemalung eine glänzende Glasur verwendet, die dem fertigen Stück diesen keramischen Schimmer verleiht, dieses Licht, das sich in jeder Wölbung bricht und die Form noch plastischer erscheinen lässt. Unter Kunstlicht fotografiert, funkeln die roten und grünen Flächen fast wie Emaille – ein Effekt, den ich beim reinen Malen auf Leinwand so nie erreichen könnte.
Ein Gesicht mit Geschichte
Was mich an solchen Gesichtsgefäßen – man nennt diese Tradition auch Kopfvasen oder Gesichtskrüge – immer wieder fasziniert, ist die lange Geschichte, in die sie sich einschreiben. Von antiken Kopfgefäßen über europäische Steingutkrüge bis zu den bunten Charakterköpfen, die in vielen Kulturen als Behälter, Dekoration oder schlichtweg als kleine Porträts entstanden sind – dieses Handwerk verbindet Funktion und Ausdruck auf eine Weise, die mich seit meiner Kindheit begleitet. Ich bin an vielen Orten der Welt aufgewachsen und habe in unterschiedlichsten Kulturen gesehen, wie Gesichter zu Gefäßen werden, wie ein Krug, eine Vase, eine Schale plötzlich einen eigenen Charakter, fast eine eigene Seele bekommt.
Wenn ich diese Kopfvase heute betrachte, sehe ich nicht nur ein Kunsthandwerksstück, sondern eine Art Selbstporträt meines künstlerischen Prozesses: die intuitive, ungeplante Formgebung, die Freude an Textur und Detail, die Liebe zu kräftigen, klaren Farben und schließlich das Vertrauen darauf, dass sich aus formloser Materie – sei es Ton, Farbe oder Wollfilz – am Ende immer ein Gesicht, eine Figur, eine Geschichte herausschält.
Was dieses Projekt mir bedeutet
Für mich ist diese Kopfvase mehr als nur eine handwerkliche Übung. Sie steht symbolisch für das, was mich an meiner künstlerischen Reise seit der Pandemie am meisten begeistert hat: die Bereitschaft, ein neues Material auszuprobieren, ohne genau zu wissen, wohin es mich führt. So wie ich beim Malen ohne Vorskizze arbeite, so wie ich beim Filzen meiner Hunde intuitiv Wolle zu Form verdichte, so habe ich auch hier vertraut: auf meine Hände, auf den Ton, auf den Prozess selbst.
Diese Frau mit ihrem roten Hut, ihren grünen Locken und ihrem selbstbewussten Blick ist für mich zu einer kleinen Begleiterin in meinem Atelier geworden. Sie erinnert mich daran, dass Kunst nicht immer geplant sein muss, dass die schönsten Ergebnisse oft dann entstehen, wenn man dem Material und der eigenen Intuition vertraut, statt sich an starre Vorgaben zu halten. Und sie erinnert mich daran, wie viel Freude es macht, ein Werk auf jeder einzelnen Etappe – vom rohen Ton bis zur glänzenden Glasur – vollständig selbst zu begleiten.
Ich hoffe, diese kleine Reise durch die Entstehung meines Gesichtsgefäßes gibt euch einen Eindruck davon, wie viel Herzblut, Geduld und Freude in einem so kleinen Stück Keramik stecken kann. Für mich ist jedes dieser Werke ein Beweis dafür, dass Kreativität keine Grenzen kennt – ob auf Leinwand, in Wolle oder eben, wie hier, in Ton geformt und mit Farbe zum Leben erweckt.
Brigitte Seidl
