Wenn ich vor einer leeren Leinwand stehe, beginnt für mich nie das Chaos, sondern immer die Suche nach einer Struktur. Das mag paradox klingen, wenn man meine Bilder betrachtet – auf den ersten Blick wirken sie wie ein Ausbruch von Farbe, wie ein Feuerwerk aus Rot, Gold, Blau und Grün, das sich über die Fläche ergießt. Doch wer genauer hinschaut, erkennt schnell: Hinter jeder dieser Kompositionen steckt ein Raster, ein Gerüst, eine innere Logik. Genau in diesem Spannungsfeld zwischen kontrollierter Ordnung und scheinbar spontaner Farbigkeit bewegt sich meine Malerei.
Ich male mit Acryl und arbeite fast ausschließlich mit dem Spachtel statt mit dem Pinsel. Das ist kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung. Der Spachtel zwingt mich zu einer anderen Art der Bewegung – kantiger, direkter, ehrlicher. Man kann mit ihm nicht schummeln. Jede Fläche, die ich anlege, bekommt durch das Auftragen der Farbe eine eigene Textur, eine Art Relief, das man erst sieht, wenn man wirklich nah herangeht oder das Licht seitlich einfällt. Diese Oberflächenstruktur ist mir fast genauso wichtig wie die Farbe selbst. Sie macht die Bilder haptisch, fast greifbar, und sie verändert sich je nach Lichteinfall im Raum – morgens wirken sie anders als abends, bei Kunstlicht wieder anders als bei Tageslicht.
Die Idee hinter dem Raster
Beide Bilder, die ich hier zeige, folgen einem ähnlichen Prinzip: einem unregelmäßigen, aber klar erkennbaren Rastersystem aus Rechtecken und Quadraten unterschiedlicher Größe. Man könnte es mit einem Mosaik vergleichen, oder mit den Fenstern einer Stadt bei Nacht, in der jedes Fenster eine eigene Farbe, eine eigene Stimmung, fast eine eigene kleine Geschichte trägt. Ich ziehe die schwarzen Konturlinien bewusst zwischen die Farbflächen – sie geben dem Bild seinen Halt, so wie das Bleiglas eines Kirchenfensters die einzelnen bunten Scheiben zusammenhält. Ohne diese Linien würden die Farben ineinanderfließen und die Komposition ihre Klarheit verlieren. Mit ihnen entsteht eine Art Architektur der Farbe.
Diese Rasterstruktur ist für mich mehr als ein formales Stilmittel. Sie ist eine Haltung. Ich glaube, dass Ordnung und freie Gestaltung sich nicht ausschließen, sondern einander bedingen. Innerhalb eines festen Systems – der Aufteilung der Fläche in Felder – erlaube ich mir völlige Freiheit in der Farbwahl. Kein Feld ist geplant, bevor ich es male. Ich reagiere auf das, was bereits auf der Leinwand ist: auf einen Ton, der nach einem Kontrast verlangt, auf eine Fläche, die eine Ruhepause braucht, auf eine Ecke, die plötzlich nach Gold ruft. So entsteht ein Dialog zwischen Struktur und Intuition, zwischen dem, was ich kontrolliere, und dem, was sich im Prozess selbst entwickelt.
Das erste Bild – kühle Anker, warme Explosionen
Im ersten Bild dominiert im oberen Bereich eine kühle, fast beruhigende Zone aus Blau- und Grüntönen, die sich nach rechts oben in warmes Gelb und kräftiges Rot auflöst. Ich mag diesen Übergang sehr – er erinnert mich an einen Sonnenaufgang, bei dem die Nacht noch in den unteren Blautönen nachklingt, während der Himmel sich bereits in Orange und Gold verfärbt. In der Bildmitte setze ich ein tiefes, fast schwarzes Nachtblau, umgeben von sattem Rot und einem Hauch von Gold – dieser Bereich wirkt wie ein Ruhepunkt, ein Ankerplatz für das Auge inmitten der vielen kleinteiligen Felder ringsum. Gerade solche großen, ruhigen Flächen sind für mich kompositorisch entscheidend: Sie geben dem Blick einen Ort zum Verweilen, bevor er weiterwandert zu den kleinteiligeren, lebendigeren Passagen.
Unten im Bild wird die Farbpalette wieder vielfältiger – Violett trifft auf Gelb, Rosa auf Grün, ein zartes Türkis auf erdiges Braun. Diese untere Zone hat für mich etwas Erdverbundenes, fast Vegetatives, während der obere Bereich eher himmlisch, luftig wirkt. Ich arbeite gerne mit solchen vertikalen Spannungsbögen – oben Weite, unten Verdichtung, oder umgekehrt, je nachdem, wie sich die Komposition beim Malen entwickelt. Die goldene Fläche rechts oben im Bild ist übrigens eines meiner liebsten Details: Ich verwende echte Goldpigmente, die je nach Lichteinfall metallisch aufblitzen und dem Bild eine fast sakrale, ikonenhafte Note verleihen. Es ist, als würde ein Stück Licht direkt aus der Leinwand strahlen.
Das zweite Bild – ein dichtes Gewebe aus Rot, Grün und Erdtönen
Das zweite Bild ist noch dichter gewoben, kleinteiliger in vielen Bereichen, aber genauso von einem klaren Rastergefühl getragen. Hier dominieren warme Rot- und Terrakottatöne, durchsetzt von kräftigem Tannengrün, sattem Blau und immer wieder überraschenden Lichtblicken in Weiß und Zartrosa. Diese weißen Flächen wirken wie Atempausen in einem sonst sehr dichten, fast pulsierenden Farbgewebe. Sie unterbrechen den Rhythmus, geben dem Auge einen Ort der Stille, bevor die Farbintensität wieder zunimmt.
Was mir an diesem Bild besonders gefällt, sind die kleinen abgerundeten Formen, die sich immer wieder in die ansonsten strenge Geometrie schleichen – ein sanft geschwungener Rand hier, eine organische Kurve dort. Sie durchbrechen bewusst die Strenge des Rasters und erinnern mich daran, dass auch die klarste Ordnung Raum für Unregelmäßigkeit, für das Unvorhergesehene braucht. Genau wie im echten Leben: Selbst der durchdachteste Plan wird immer wieder von kleinen, überraschenden Wendungen unterbrochen – und genau das macht ihn lebendig.
Die Vielzahl an Rot- und Rosatönen in diesem Bild – von zartem Altrosa über kräftiges Karminrot bis zu dunklem Weinrot – war für mich eine echte Übung in Nuancierung. Ich wollte herausfinden, wie viele unterschiedliche Stimmungen sich allein mit einer Farbfamilie erzeugen lassen, wenn man sie geschickt mit Grün, Gold, Blau und Violett kontrastiert. Rot kann aggressiv wirken, aber auch warm und einladend, je nachdem, welche Farbe direkt daneben liegt. Diese Wechselwirkungen zwischen benachbarten Feldern sind für mich der eigentliche Kern meiner Arbeit – die Farbe existiert nie für sich allein, sondern immer im Verhältnis zu ihrer Umgebung.
Warum Ordnung mich fasziniert
Ich werde oft gefragt, warum ich mich für diese rasterartige, fast architektonische Bildsprache entschieden habe, wenn ich doch eigentlich sehr frei und intuitiv male. Meine Antwort ist immer dieselbe: Freiheit braucht einen Rahmen, um wirklich spürbar zu werden. Ein Musiker improvisiert nicht im luftleeren Raum, sondern innerhalb eines Taktes, einer Tonart, eines harmonischen Gerüsts. Erst dieser Rahmen macht die Improvisation hörbar, macht sie zu etwas, das man nachvollziehen und genießen kann. Genauso ist es für mich mit dem Raster in meinen Bildern. Es gibt mir eine Ordnung vor, innerhalb derer ich völlig frei mit Farbe, Ton und Kontrast spielen kann.
Diese Herangehensweise hat auch etwas mit meinem Blick auf die Welt zu tun. Ich glaube, dass wir oft das Gefühl haben, zwischen Struktur und Freiheit wählen zu müssen – entweder ein geordnetes, kontrolliertes Leben oder ein chaotisches, freies. Meine Bilder sind für mich ein kleiner visueller Beweis dafür, dass beides zusammengehen kann. Struktur muss nicht einengen. Sie kann im Gegenteil erst den Raum schaffen, in dem echte Kreativität, echte Farbigkeit, echtes Leben entstehen kann.
Der Prozess: von der ersten Fläche bis zum fertigen Bild
Ich beginne meine Arbeiten nie mit einer fertigen Skizze. Stattdessen setze ich die ersten Linien direkt auf die Leinwand – oft unregelmäßig, mit unterschiedlichen Abständen, sodass ein Netz aus großen und kleinen Feldern entsteht. Erst dann beginne ich, Farbe für Farbe zu setzen. Ich arbeite selten chronologisch von links nach rechts oder von oben nach unten, sondern springe über die Fläche, reagiere auf das, was bereits entstanden ist. Manchmal male ich ein Feld in einer Farbe, die mir spontan gefällt, und erst Stunden später merke ich, dass genau dieses Feld später zum Ankerpunkt für die gesamte Komposition wird.
Der Spachtel gibt mir dabei eine besondere Kontrolle über die Textur. Ich kann die Farbe dick auftragen, sodass sie regelrechte Grate und Wellen bildet, oder sie dünn und fast transparent über die Fläche ziehen. Diese unterschiedlichen Texturen innerhalb eines Bildes erzeugen einen zusätzlichen visuellen Rhythmus, den man auf Fotografien nur erahnen kann – live, vor dem Original, entfaltet sich diese Wirkung erst richtig. Deshalb liegt mir auch daran, dass meine Bilder nicht nur als digitales Bild auf einem Bildschirm betrachtet werden, sondern im besten Fall live erlebt werden können, mit all ihrer Materialität und Oberflächenspannung.
Das Trocknen zwischen den einzelnen Malschritten ist ebenfalls Teil des Prozesses. Acrylfarbe trocknet vergleichsweise schnell, aber bei den dickeren Spachtelaufträgen dauert es doch seine Zeit, bis eine Fläche wirklich durchgetrocknet ist. Diese Wartezeiten nutze ich, um das Bild aus der Distanz zu betrachten, um herauszufinden, welche Fläche als Nächstes an der Reihe ist, welche Farbe der Komposition noch fehlt, wo ein Kontrast gebraucht wird oder wo eine ruhige, größere Fläche das Bild beruhigen könnte.
Was ich mir für die Betrachterinnen und Betrachter wünsche
Wenn Menschen vor meinen Bildern stehen, wünsche ich mir, dass sie sich Zeit nehmen. Nicht nur das große Ganze wahrnehmen, sondern auch die kleinen Details entdecken – die goldene Fläche, die im Streiflicht funkelt, die feinen Unregelmäßigkeiten am Rand eines Feldes, die minimalen Farbverläufe innerhalb einer scheinbar homogenen Fläche. Ich möchte, dass meine Bilder nicht auf den ersten Blick vollständig erfasst werden können, sondern dass sie mit jedem erneuten Betrachten neue Details preisgeben.
Gleichzeitig hoffe ich, dass die Bilder eine gewisse Ruhe vermitteln, trotz ihrer Farbintensität. Das mag widersprüchlich klingen bei so viel Rot, Gold und Kontrast – aber ich glaube, dass gerade die klare Struktur, das Raster, diese Ruhe erzeugt. Es ist wie bei einer gut komponierten Stadt: Auch wenn die einzelnen Häuser bunt und unterschiedlich sind, entsteht durch die gemeinsame Straßenführung, durch das gemeinsame Raster, ein harmonisches Ganzes.
Farbe als Sprache
Für mich ist Farbe die eigentliche Sprache meiner Bilder. Jede Farbe trägt eine eigene Temperatur, eine eigene Stimmung, fast einen eigenen Charakter. Blau kann kühl und distanziert wirken, aber auch tief und beruhigend. Rot kann aggressiv und fordernd sein, aber genauso warm und einladend. Gold trägt für mich immer etwas Feierliches, fast Kostbares in sich – deshalb setze ich es sparsam ein, wie einen Akzent, der die umliegenden Farben aufwertet, ohne sie zu dominieren.
Ich mische meine Farben oft direkt auf der Leinwand oder unmittelbar davor auf der Palette, sodass leichte Farbverläufe und Nuancen innerhalb eines einzelnen Feldes entstehen können. Kein Rot gleicht dem anderen, kein Blau ist identisch mit dem nächsten. Diese feinen Unterschiede sind es, die meine Bilder – trotz ihrer geometrischen, fast strengen Grundstruktur – lebendig und organisch wirken lassen.
Ein Blick nach vorn
Beide Bilder, die ich hier zeige, sind Teil einer größeren Werkreihe, an der ich kontinuierlich arbeite. Jedes neue Bild ist für mich eine weitere Variation über das gleiche Grundthema: die Suche nach dem Gleichgewicht zwischen Ordnung und Freiheit, zwischen Struktur und Farbe, zwischen Kontrolle und Intuition. Ich bin gespannt, wohin mich diese Serie noch führen wird, welche neuen Farbkombinationen, welche neuen Rasterformen, welche neuen Texturen sich noch entdecken lassen.
Wenn Ihnen meine Bilder gefallen, freue ich mich sehr, wenn Sie sich Zeit nehmen, sie genauer zu betrachten, die Details zu entdecken, die sich erst auf den zweiten Blick zeigen. Kunst lebt für mich davon, dass sie nicht sofort vollständig erklärt ist, sondern immer wieder neue Fragen aufwirft und neue Antworten zulässt. Genau das versuche ich mit meiner Malerei zu erreichen – Bilder, die man nicht nur betrachtet, sondern in die man eintauchen kann.
Brigitte Seidl
