Es gibt Projekte, die beginnen mit einer klaren Idee, und es gibt Projekte, die beginnen mit einer Faszination, der man einfach nachgehen muss. Meine Kopfvasen gehören zur zweiten Kategorie. Seit ich zum ersten Mal die berühmten italienischen Teste di Moro gesehen habe – diese prachtvollen, oft maurisch inspirierten Kopfvasen aus Sizilien, mit ihren Kronen aus Blättern und Früchten – lässt mich dieses Motiv nicht mehr los. Die Vorstellung, dass ein Gefäß gleichzeitig ein Gesicht sein kann, mit einer eigenen Geschichte, einem eigenen Ausdruck, einer eigenen stillen Würde, hat mich sofort gepackt. Ich wollte wissen, ob ich so etwas selbst schaffen kann. Das Ergebnis dieser Neugier möchte ich euch heute zeigen, Schritt für Schritt, so wie ich es selbst erlebt und in Fotos festgehalten habe.
Die Inspiration: Von Sizilien auf meinen Werktisch
Die klassischen Kopfvasen erzählen oft eine kleine Legende – die Geschichte einer Frau und eines Mannes, deren Liebe tragisch endet und die als Vasen mit Krone aus Früchten und Blättern weiterleben. Mich interessierte dabei weniger die exakte historische Nacherzählung als vielmehr das Prinzip dahinter: ein Gesicht, das zugleich Behälter ist, geschmückt mit einer üppigen, fast überbordenden Krone aus Naturmotiven. Diese Verbindung von Figur und Gefäß, von Zweckmäßigkeit und Ausdruck, fand ich künstlerisch enorm reizvoll. Also machte ich mich auf den Weg, meine eigene Version zu entwickeln – nicht als Kopie, sondern als eigenständige Interpretation dieses alten Handwerks.
Die Grundform: Ein Übertopf als heimliches Fundament
Der erste praktische Schritt war die Frage nach der Statik. Eine Kopfvase muss stehen, sie muss ein Innenleben haben, das tatsächlich Wasser oder Blumen aufnehmen kann, und sie darf beim Trocknen nicht in sich zusammenfallen. Meine Lösung war ebenso pragmatisch wie einfach: Ich habe einen bauchigen Blumenübertopf als Grundgerüst gewählt. Diese Form bringt bereits die Wölbung mit, die später zu Wangen und Stirn werden sollte, und sie gibt der ganzen Konstruktion von Anfang an Stabilität. Man sieht das gut auf meinen ersten Fotos: ein schlichter, heller Topf, der noch nichts von einem Gesicht ahnen lässt, außer den ersten zaghaften Andeutungen von Augenbrauen und einer kleinen Nase, die ich aus der lufttrocknenden Modelliermasse aufgesetzt habe.
Diese Technik – ein bestehendes Gefäß als Basis zu nehmen und es mit Modelliermasse zu überarbeiten – hat für mich einen großen Vorteil. Ich muss keinen Fuß, keinen Hohlraum und keine gleichmäßige Wandstärke von Grund auf selbst konstruieren. Der Übertopf übernimmt diese Aufgabe, und ich kann mich ganz auf das Gesicht, den Ausdruck und die Details konzentrieren. Gerade für alle, die noch keine Erfahrung mit klassischer Töpferei oder dem Aufbau von Hohlformen haben, ist das ein wunderbarer Einstieg in die Bildhauerei mit Ton- oder Modelliermasse.
Erste Formen: Wie ein Gesicht langsam entsteht
Am Anfang steht immer die Nase. Das habe ich für mich so festgestellt, und es hat sich bei jeder meiner Kopfvasen bestätigt. Die Nase gibt die Mittelachse vor, an ihr orientieren sich später Augen, Mund und die gesamte Symmetrie des Gesichts. Ich forme sie aus einem kleinen Klumpen Modelliermasse, drücke und ziehe sie in Form, bis sie sich organisch aus der Wölbung des Topfes erhebt. Erst danach kommen die Augen dazu – zunächst nur als sanfte Vertiefungen und Wülste, die die spätere Lidform andeuten.
Was mich an dieser Phase jedes Mal wieder fasziniert, ist, wie unspektakulär die einzelnen Schritte für sich genommen wirken, und wie sehr sich das Bild trotzdem von Foto zu Foto verändert. Auf den ersten Aufnahmen ist kaum mehr als eine Ahnung von Gesicht zu erkennen. Ein paar Fotos später hat sich daraus bereits ein ruhiges, fast meditatives Antlitz mit geschlossenen oder halb gesenkten Augen entwickelt – ein Ausdruck von innerer Sammlung, den ich bei meinen Figuren sehr mag. Ich arbeite dabei komplett intuitiv, ohne Skizze, ohne Schablone. Die Form entsteht im Dialog mit dem Material, und genau das macht für mich den besonderen Reiz dieser Arbeit aus.
Die Krone: Blätter, Früchte und ein kleiner Vogel
Sobald das Gesicht seine Grundzüge gefunden hat, widme ich mich dem, was für mich das eigentliche Herzstück dieser Kopfvasen ist: der Krone. Bei den klassischen italienischen Vorbildern sind es oft Zitrusfrüchte, Trauben oder exotische Früchte, die sich üppig um den Kopf ranken. Ich habe mich für ein Motiv aus Lorbeerblättern entschieden, durchzogen von feinen, eingeritzten Blattadern, und ergänzt durch runde, traubenartige Formen, die sich wie kleine Früchte um die Stirn und die Ohren schmiegen.
Ganz oben, auf der Stirnmitte thronend, sitzt ein kleiner Vogel – ein Detail, das ich sehr bewusst gesetzt habe. Er bricht die strenge Symmetrie des Gesichts auf und gibt der ganzen Figur etwas Verspieltes, fast Märchenhaftes. Auf den Fotos, die die Vase von der Seite zeigen, sieht man gut, wie der Vogel sich über die Blätterkrone erhebt und der Silhouette eine zusätzliche Dynamik verleiht. Diese kleinen Figuren – der Vogel, die Fruchtformen – forme ich einzeln und setze sie dann mit etwas Modelliermasse als Klebemittel an die vorgesehene Stelle. Wichtig ist dabei, die Übergänge sorgfältig zu verstreichen, damit später beim Trocknen keine Risse an den Verbindungsstellen entstehen.
Auch am Hals und über die Schultern hinweg setze ich die traubenartigen Formen fort, sodass die Krone nicht abrupt endet, sondern sich harmonisch in den unteren Teil der Vase hineinzieht. Diese Ranken aus Blättern und Früchten laufen wie ein Band um den ganzen Kopf und schaffen so einen Rahmen, der das Gesicht einfasst, ohne es zu erdrücken.
Struktur und Textur: Die Details, die den Unterschied machen
Ein Element, das mir besonders wichtig ist und das ich euch ans Herz legen möchte, ist die Arbeit mit Textur. Die Blätter meiner Krone bekommen ihre Lebendigkeit nicht allein durch ihre Form, sondern vor allem durch feine, eingeritzte Linien, die die Blattadern nachzeichnen. Ich benutze dafür ein einfaches Modellierwerkzeug mit spitzer Kante, manchmal auch nur eine alte Nadel, und ziehe die Linien mit ruhiger Hand von der Blattmitte aus nach außen.
Auch der Halsbereich der Figur bekommt bei mir häufig eine feine, schraffierte Struktur, ähnlich wie gekämmtes Haar oder gewelltes Gewebe. Das mag auf den ersten Blick wie ein rein dekoratives Detail wirken, aber es hat auch eine praktische Funktion: Diese Texturen brechen das Licht, wenn die fertige Vase später an einem sonnigen Fensterplatz steht, und lassen die Oberfläche lebendiger erscheinen als eine reine glatte Fläche es je könnte. Gerade in der noch unbemalten, cremefarbenen Rohform der Modelliermasse sieht man diese Texturen besonders eindrücklich, fast wie ein Relief.
Geduld beim Trocknen
Ein Punkt, der in der Begeisterung für das Gestalten schnell übersehen wird, ist die Trocknungszeit. Lufttrocknende Modelliermasse verzeiht viele Fehler, aber sie braucht vor allem eines: Zeit. Je nach Wandstärke und Größe der Vase können mehrere Tage vergehen, bis das Material durchgehend fest ist. Ich lasse meine Figuren an einem schattigen, gut belüfteten Ort trocknen, drehe sie gelegentlich, damit sich keine Feuchtigkeit einseitig staut, und widerstehe der Versuchung, mit einer Heißluftpistole nachzuhelfen, solange die Wandstärke noch ungleichmäßig ist. Kleinere Risse, die trotzdem entstehen, lassen sich meist mit etwas angefeuchteter Modelliermasse und sanftem Verstreichen wieder ausbessern. Diese Phase erfordert ein wenig Geduld, aber sie gehört für mich genauso zum kreativen Prozess wie das eigentliche Formen.
Die Krönung: Das Bemalen
Und dann kommt der Moment, auf den ich mich bei jeder Kopfvase am meisten freue – das Bemalen. Erst mit der Farbe erwacht die Figur wirklich zum Leben. Die cremefarbene Rohform, so schön sie in ihrer Schlichtheit auch ist, bleibt bis dahin eine Ahnung. Mit dem Pinsel entscheidet sich, welchen Charakter das Gesicht am Ende bekommt.
Ich beginne meist mit der Hautfarbe, einem zarten, warmen Ton, den ich in mehreren dünnen Schichten aufbaue, damit er gleichmäßig und lebendig wirkt. Danach widme ich mich den Augen – für mich immer der spannendste und zugleich heikelste Teil, denn hier entscheidet sich, welchen Ausdruck die Figur bekommt. Ein winziger Unterschied in der Linienführung der Lider kann aus einem träumerischen einen wachen, aus einem sanften einen selbstbewussten Blick machen. Bei meiner zuletzt fertiggestellten Vase habe ich mich für grün-gelbe Augen mit klar konturierten Lidern entschieden, dazu kräftige, warme rote Lippen, die dem Gesicht sofort etwas Selbstbewusstes, fast Divenhaftes verleihen.
Die Krone bemale ich in sattem Grün, wobei ich bewusst mit Licht und Schatten arbeite, sodass die eingeritzten Blattadern noch stärker zur Geltung kommen. Die traubenartigen Früchte erstrahlen bei mir in leuchtendem Gelb – ein Farbton, der einen wunderbaren Kontrast zum satten Grün der Blätter bildet und der Figur eine sonnige, mediterrane Note verleiht. Das Innere der Vase, dort wo später die Blumen stehen sollen, habe ich in kräftigem Rot gehalten, ein Farbklecks, der überrascht, wenn man von oben in die Vase blickt, und der Figur noch eine zusätzliche Ebene an Lebendigkeit schenkt.
Beim Bemalen arbeite ich in mehreren Schichten und mit unterschiedlichen Pinselgrößen. Für die großen Flächen wie die Krone oder die Haut nehme ich breitere Pinsel, für die feinen Linien der Augen, Lippen und Augenbrauen wechsle ich zu ganz feinen Spitzen. Am Ende versiegele ich die gesamte Oberfläche mit einem klaren Schutzlack, der nicht nur für einen schönen Glanz sorgt, sondern die Farben auch dauerhaft schützt.
Was diese Arbeit für mich bedeutet
Wenn ich die fertige Kopfvase am Ende vor mir stehen sehe, empfinde ich jedes Mal eine tiefe Zufriedenheit. Es ist ein Weg von einem schlichten, funktionalen Übertopf zu einer Figur mit eigenem Gesicht, eigener Geschichte, eigener Ausstrahlung. Jede dieser Vasen ist ein Unikat, geprägt von den Entscheidungen, die ich im Moment des Gestaltens getroffen habe – der Neigung des Kopfes, dem Ausdruck der Augen, der Fülle der Krone. Es ist ein Prozess, der viel Geduld verlangt, aber noch mehr Freude schenkt.
Wer selbst experimentieren möchte, dem kann ich nur raten: Beginnt mit einer stabilen Grundform, nehmt euch Zeit für die Details der Krone, und traut euch beim Bemalen zu kräftigen, mutigen Farben. Genau diese Kombination aus stabiler Basis und verspielter, farbenfroher Oberfläche macht für mich den besonderen Reiz dieser Kopfvasen aus. Ich hoffe, meine Fotos und dieser kleine Einblick in meinen Arbeitsprozess machen euch Lust, selbst mit Modelliermasse zu experimentieren. Es steckt so viel Freude in diesem Handwerk – und am Ende wartet ein Stück, das ganz eure eigene Handschrift trägt.
