Manchmal beginnt ein Werk nicht mit einem Bild im Kopf, sondern mit einem Gefühl in den Händen. Genau so ist diese Büste entstanden – eine Frau mit weit geöffneten Augen, vollen roten Lippen und einer Krone, die aus unzähligen kleinen Tonkugeln, Blattgold, Silberfolie und alten Schmuckstücken gewachsen ist. Sie steht jetzt auf meinem Beistelltisch, umgeben von Samt und dunklem Rot, und schaut mich an, als hätte sie selbst noch nicht ganz begriffen, wie prachtvoll sie geworden ist.
Der Ursprung: eine Büste ohne Plan
Ich habe, wie fast immer, ohne Skizze begonnen. Kein Entwurf, keine Vorzeichnung, kein festgelegtes Konzept – nur ein Kopf, ein Hals, Schultern, die sich langsam aus formbarem Material herausschälten. Diese Herangehensweise kenne ich aus meiner Malerei sehr gut: Ich vertraue dem Material und meinen Händen mehr als jedem Plan. Bei dieser Arbeit war es genauso. Der Kopf entstand zuerst als reine Form, ein Gesicht ohne Ausdruck, ein Hals, der in einen imaginären blauen Mantelkragen überging. Erst danach kam die Frage: Wer ist diese Frau? Was trägt sie? Und vor allem – was trägt sie auf dem Kopf?
Die Antwort kam nicht aus dem Kopf, sondern aus der Werkstatt selbst. Ich hatte über Jahre hinweg alte Ohrringe, Broschen, einzelne Perlen und Anhänger gesammelt, Fundstücke von Flohmärkten, Erbstücke, die niemand mehr trug, kleine glänzende Dinge, die zu schade zum Wegwerfen waren. Sie lagen in einer Schublade und warteten, ohne dass ich wusste, worauf. Als ich die Büste vor mir sah, wusste ich plötzlich: Diese Frau braucht eine Krone – und diese Krone sollte aus genau diesen vergessenen Schätzen bestehen.
Eine Krone aus hundert kleinen Kugeln
Der auffälligste Teil dieser Arbeit ist zweifellos die Krone. Sie besteht nicht aus einem einzigen Materialblock, sondern aus unzähligen einzelnen Tonkugeln, die ich von Hand geformt und auf den Kopf der Büste gesetzt habe – Reihe für Reihe, wie Trauben, wie Perlen einer überdimensionalen Kette. Jede Kugel wurde einzeln bemalt: manche in mattem Taubengrau, andere in leuchtendem Gold, wieder andere in tiefem Nachtblau oder zartem Weiß. Aus der Nähe wirkt diese Fläche fast wie ein Mosaik, aus der Distanz verschmilzt sie zu einem prachtvollen, fast barocken Diadem.
Ich habe bewusst keine Symmetrie angestrebt. Die Kugeln folgen keinem Muster, keiner Wiederholung – sie sitzen dort, wo meine Hand sie in dem Moment platziert hat, in dem es sich richtig anfühlte. Das ist ein Prinzip, das sich durch meine gesamte künstlerische Arbeit zieht: eine innere Ordnung, die nicht auf mathematischer Berechnung beruht, sondern auf Intuition. Wer genau hinschaut, erkennt trotzdem eine Balance – eine Verteilung von Gold und Silber, von Hell und Dunkel, die das Auge zufriedenstellt, obwohl sie nie geplant war.
Blattgold, Silberfolie und das Spiel mit Licht
Zwischen den Tonkugeln habe ich Silberfolie eingearbeitet, geknittert und zerknüllt, sodass sie das Licht in unregelmäßigen Facetten reflektiert. Dazu kommen filigrane Blätter aus Metall – manche wie Efeu geformt, andere wie herbstliches Laub mit deutlich sichtbaren Blattadern. Diese Blätter, in Gold, Silber und einem satten Bronzeton gehalten, verleihen der Krone eine organische Note, als würde sie nicht nur aus Schmuck, sondern aus einem verwunschenen Garten bestehen.
Was mich an dieser Kombination besonders reizt, ist der Kontrast der Materialien: die raue, erdige Textur des getrockneten Tons trifft auf den kühlen, glatten Glanz von Metallfolie und Blattgold. Diese Gegensätzlichkeit – schwer und leicht, matt und glänzend, gewachsen und gefunden – ist für mich der eigentliche Kern des Werkes. Es geht nicht darum, ein perfektes, homogenes Objekt zu schaffen, sondern eine Vielstimmigkeit von Materialien zuzulassen, die im Zusammenspiel etwas Neues, Drittes ergeben.
Die geliehenen Schätze: alter Schmuck als neues Leben
Ein besonders persönlicher Teil dieser Arbeit sind die echten Schmuckstücke, die ich in die Krone eingearbeitet habe. An den Seiten, dort wo bei einer Frau die Schläfen wären, hängen kleine Trauben aus Silberperlen, wie Ohrgehänge, die seitlich aus der Krone herauswachsen. Auf der Rückseite finden sich blaue und silbern-goldene Blattanhänger, die wie herabhängende Ohrringe wirken, dazu winzige rosafarbene Blüten und filigrane Zweige aus Metall.
Diese Fundstücke stammen aus meiner eigenen Sammlung alter Accessoires – Dinge, die eine Geschichte in sich tragen, auch wenn ich diese Geschichte selbst nicht mehr kenne. Indem ich sie in die Skulptur einarbeite, gebe ich ihnen eine neue Aufgabe, einen neuen Kontext. Aus vergessenem Modeschmuck wird königlicher Kopfschmuck, aus einer einzelnen Brosche wird ein zentrales Element einer viel größeren Erzählung. Dieser Gedanke – dass nichts wirklich verloren ist, sondern nur auf seine nächste Verwandlung wartet – begleitet mich in vielen meiner Arbeiten, sei es in der Malerei oder bei meinen Filzhunden.
Ein Gesicht mit Charakter
So opulent die Krone auch ist, das eigentliche Herzstück der Büste bleibt für mich das Gesicht. Ich habe bewusst auf eine idealisierte, glatte Schönheit verzichtet. Die Augen sind groß, fast erstaunt geöffnet, mit einem warmen Braunton und einem hellen Lichtpunkt, der ihnen Lebendigkeit verleiht. Die Nase ist kräftig, die Lippen leuchten in sattem Rot – ein Farbakzent, der bewusst gesetzt wurde, um der Figur trotz aller Ornamentik eine menschliche, fast trotzige Präsenz zu geben.
Mir war wichtig, dass diese Frau kein austauschbares, glattes Gesicht bekommt, sondern eine eigene Physiognomie mit Ecken, mit einem markanten Profil, mit einer gewissen Strenge im Blick. Von der Seite betrachtet wirkt sie fast wie eine Figur aus einem Renaissance-Gemälde – aufrecht, stolz, mit einem Ausdruck, der zwischen Würde und stiller Ironie changiert. Genau diese Ambivalenz reizt mich: Ist sie eine Königin, eine Heilige, eine imaginäre Ahnin – oder einfach eine Frau, die sich selbst mit dem geschmückt hat, was sie im Leben gesammelt hat?
Der blaue Mantel als ruhiger Gegenpol
Unterhalb des reich verzierten Kopfes fällt der Blick auf den kräftig blauen Kragen, der die Schultern der Büste umschließt. Dieses satte Kobaltblau bildet einen bewussten Kontrast zu Gold, Silber und Hautton – es beruhigt die Komposition, gibt dem Auge einen Ankerpunkt, bevor es wieder zur überbordenden Krone zurückwandert. Der Kragen ist mit dunkelblauen Konturen abgesetzt und lässt an der Vorderseite einen kleinen, unregelmäßig geformten dunklen Knopf oder Verschluss erkennen – ein kleines, fast rohes Detail, das die Handarbeit sichtbar macht und der Figur eine gewisse Erdung verleiht, trotz all der Pracht auf ihrem Kopf.
Diese Entscheidung für ein kräftiges, aber unaufgeregtes Blau war mir wichtig. Es hätte auch ein neutrales Weiß oder ein weiteres Gold sein können, doch das Blau bringt eine kühle, fast königliche Note hinein – wie ein Mantel aus einem alten Gemälde, der Würde signalisiert, ohne mit der Krone zu konkurrieren.
Handwerk, Geduld und viele kleine Entscheidungen
Was auf den ersten Blick wie ein einziges, großzügiges Werk erscheint, war in Wirklichkeit ein langer Prozess unzähliger kleiner Entscheidungen. Jede einzelne Kugel der Krone musste geformt, getrocknet und bemalt werden. Jedes Metallblatt musste positioniert und in seiner Wirkung mit den Nachbarelementen abgeglichen werden. Jedes alte Schmuckstück musste an der richtigen Stelle befestigt werden, sodass es nicht wie ein zufälliger Fremdkörper wirkt, sondern wie ein organischer Teil der Krone.
Diese Art von Arbeit erfordert Geduld – nicht die Geduld des Wartens, sondern die Geduld des ständigen, kleinteiligen Gestaltens. Es ist eine meditative Tätigkeit, bei der ich mich immer wieder neu entscheiden muss: Passt dieses Gold neben dieses Blau? Braucht diese Stelle noch mehr Struktur, oder ist sie schon zu voll? Genau dieser fortlaufende Dialog mit dem entstehenden Werk ist es, was mich an der Bildhauerei und Objektkunst genauso fasziniert wie an der Malerei.
Zwischen Fantasie und Erinnerung
Diese Büste ist für mich mehr als eine dekorative Figur. Sie ist ein Sammelbecken für Erinnerungen – für Schmuckstücke, die sonst in einer Schublade verstaubt wären, für die Freude am Experimentieren mit ungewöhnlichen Materialkombinationen, für meine Vorliebe, Gesichter mit Charakter statt mit makelloser Perfektion zu gestalten. Sie steht auch sinnbildlich für einen Gedanken, der mich seit meiner künstlerischen Reise während der Pandemie begleitet: dass Kreativität keine Grenzen zwischen den Disziplinen kennen muss. Von der Acrylmalerei über die Keramik bis zu den Filzhunden und nun dieser Büste – jedes Material bringt seine eigene Sprache mit, und ich liebe es, all diese Sprachen zu erlernen und miteinander zu verweben.
Wenn ich diese Frau mit der Krone jetzt betrachte, sehe ich nicht nur ein fertiges Objekt, sondern die Summe vieler kleiner Momente – des Formens, des Bemalens, des Erinnerns an vergessene Schmuckstücke, des Vertrauens in die eigene Intuition. Sie ist eine stille Erzählerin, die keine Worte braucht, um von Fülle, von Verwandlung und von der Schönheit des scheinbar Unperfekten zu erzählen. Brigitte Seidl
