Meine Herbstkönigin – Wie aus einem Klumpen Ton ein Gesicht mit Geschichte wurde 

Es gibt Momente in meiner Arbeit, in denen ich merke: Dieses Stück wird anders als alles, was vorher kam. Bei meiner Herbstkönigin war das genau so. Ich hatte lange nur mit Pinsel und Palettmesser auf Leinwand gearbeitet, hatte Gesichter gemalt, Bewegung eingefangen, Farbe aufgetragen und wieder abgetragen. Doch irgendwann reichte mir die Fläche nicht mehr. Ich wollte ein Gesicht, das ich umrunden kann. Eines, das von jeder Seite anders erzählt. So entstand diese Büste – von der ersten grauen Tonform bis zur fertigen, in Rot und Gold gekleideten Figur. 

Der Moment, in dem ich den Pinsel weglegte 

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem ich beschloss, ein Gesicht zu formen statt zu malen. Ich saß vor einer leeren Leinwand und spürte, dass mir etwas fehlte – nicht an Ideen, sondern an Dimension. Malerei gibt mir Tiefe durch Licht und Schatten, durch Farbschichten, die sich überlagern. Aber ein Gesicht, das man in der Hand drehen kann, das von der Seite ein Geheimnis preisgibt, das man von vorne nicht ahnt – das ist etwas anderes. Also nahm ich Ton in die Hand, zum ersten Mal mit dem klaren Ziel, ein menschliches Antlitz entstehen zu lassen, keine Vase, kein Gefäß, sondern ein Gesicht mit Charakter. 

Die ersten Stunden waren reine Formfindung. Kein Skizzieren vorher, das kenne ich ja auch aus meiner Malerei nicht – ich arbeite intuitiv, lasse die Hände suchen, bis sich unter ihnen etwas Vertrautes formt. Bei einem Gesicht ist das eine besondere Herausforderung. Anders als bei einer abstrakten Komposition gibt es hier anatomische Wahrheiten, die nicht verhandelbar sind. Die Augen müssen sitzen, die Nase muss atmen können, der Mund muss die Möglichkeit haben, etwas auszudrücken. Ich habe die Wangenknochen mit den Fingern nachgezogen, die Augenhöhlen vorsichtig eingedrückt, die Nase Millimeter für Millimeter aufgebaut, bis sie das richtige Profil hatte. 

Das Rohgesicht – die Wahrheit vor der Farbe 

Es gibt eine Phase in jeder Skulptur, die ich besonders liebe, obwohl sie am wenigsten spektakulär aussieht: der Moment, in dem der Ton getrocknet und geschliffen ist, aber noch keine Farbe trägt. Alles ist grau, alles ist Form, nichts lenkt mehr ab. Genau in diesem Stadium sieht man, ob ein Gesicht funktioniert oder nicht. Die Lidfalten, die ich mit einem feinen Werkzeug angedeutet hatte, warfen jetzt echte Schatten. Die Iris, die ich als kleine Spirale eingeritzt hatte, wartete förmlich darauf, mit Farbe zum Leben erweckt zu werden. Der leicht geöffnete Mund, mit einer feinen Linie in der Mitte markiert, hatte schon etwas von einem Lächeln, das sich erst noch entscheiden musste, ob es eines werden will. 

Ich habe dieses Rohstadium bewusst fotografiert, bevor ich weiterarbeitete. Es ist für mich wie ein Skizzenbuch aus Stein – der ehrlichste Moment im ganzen Prozess. Keine Farbe kann kaschieren, wenn eine Proportion nicht stimmt. Kein Glanz lenkt vom Ausdruck ab. Nur Licht, Schatten und die reine Form. Ich finde, dass genau diese unbemalte Phase zeigt, wie viel Bildhauerei eigentlich mit Malerei gemeinsam hat: Auch hier arbeite ich mit Licht, nur dass ich es nicht auftrage, sondern in die Form hineinbaue. 

Die Krone aus Ahornblättern 

Als das Gesicht stand, wusste ich sofort, dass es einen Kopfschmuck brauchte, der genauso viel Charakter hat wie die Züge selbst. Ich entschied mich für Ahornblätter in tiefem Rot, umrahmt von goldenen Beeren, die sich wie kleine Kugeln durch das Blattwerk ziehen. Die Blätter habe ich einzeln geformt, jedes mit seiner eigenen Krümmung, seiner eigenen kleinen Unvollkommenheit, denn genau die macht ein Blatt lebendig. Kein Blatt in der Natur ist symmetrisch, und ich wollte, dass meine Krone genauso unregelmäßig atmet wie ein echter Herbstwald. 

Das Rot der Blätter ist bewusst satt und leuchtend gewählt, fast lackartig, damit es im Licht funkelt wie frisch gefallenes Laub nach einem Regen. Dazwischen setzen die goldenen Beeren Akzente – kleine, warme Lichtpunkte, die das Rot auffangen und veredeln. Auf einer Seite habe ich ein einzelnes grünes Blatt stehen lassen, als kleine Erinnerung daran, dass der Herbst nie ganz vollständig ist. Es gibt immer ein Stück Sommer, das sich noch nicht verabschiedet hat. Dieses grüne Blatt ist für mich wie eine kleine Unterschrift geworden – ein Detail, das die Geschichte der Verwandlung erzählt, vom Grün zum Rot, vom Werden zum Vergehen. 

Auf der Stirn sitzt eine goldene Perle, fast wie ein Stirnschmuck einer antiken Göttin. Ich habe lange überlegt, wo genau sie sitzen soll, und mich schließlich für die Mitte entschieden, direkt über der Nasenwurzel, dort, wo in vielen Kulturen das sogenannte dritte Auge vermutet wird. Es war keine bewusste Symbolik von Anfang an, aber im Nachhinein gefällt mir dieser Gedanke sehr: eine Frau, die nicht nur nach außen schaut, sondern auch nach innen. 

Der Blick – das Herzstück jeder Skulptur 

Für mich ist der Blick einer Figur das, worauf alles andere aufbaut. Ich kann die schönste Krone formen, den aufwendigsten Schmuck gestalten – wenn die Augen nicht lebendig sind, bleibt das ganze Werk stumm. Bei dieser Büste habe ich besonders viel Zeit in die Augen investiert. Grüne Iris, tief und klar, umgeben von feinen weißen Lidrändern, die das Auge größer und wacher wirken lassen. Die Augenbrauen habe ich mit einem feinen Pinsel Strich für Strich angedeutet, fast wie einzelne Haare, damit sie nicht wie gemalt, sondern wie gewachsen wirken. 

Das Ergebnis ist ein Blick, der je nach Blickwinkel unterschiedlich wirkt. Von vorne betrachtet, wirkt sie aufmerksam, fast forschend, als würde sie den Betrachter genau taxieren. Im Profil bekommt ihr Gesicht etwas Nachdenkliches, fast Melancholisches. Genau das ist es, was ich an der dreidimensionalen Arbeit so liebe: Ein gemaltes Gesicht zeigt immer nur eine Wahrheit. Ein skulptiertes Gesicht hat viele, je nachdem, von wo man es betrachtet. 

Der Kragen – Naturform trifft Fantasie 

Um den Hals der Figur legt sich ein Kragen, dessen Oberfläche an eine Fliegenpilzhaut erinnert – tiefrot mit weißen Punkten, in einer leicht unregelmäßigen, organischen Textur. Diese Wahl war kein Zufall. Ich wollte einen Übergang schaffen zwischen dem realistisch gestalteten Gesicht und einem völlig fantastischen, aus der Natur geborgten Element. Der Kontrast zwischen der glatten, hellen Hautfarbe des Gesichts und der genoppten, kräftigen Textur des Kragens gibt der ganzen Figur eine zusätzliche Spannung. Es ist, als würde die Frau aus einem Pilzwald emporwachsen, halb Mensch, halb Naturgeist. 

Diese Vermischung von Menschlichem und Pflanzlichem beschäftigt mich schon lange in meiner Arbeit, ob in der Malerei oder jetzt eben auch in der Skulptur. Ich glaube, dass wir Menschen viel enger mit der Natur verwoben sind, als unser moderner Alltag uns glauben lässt. Wenn ich ein Gesicht forme und es mit Blättern kröne, mit Pilzstrukturen umgebe, dann ist das mein Versuch, diese Verbindung sichtbar zu machen. Nicht als Kostüm, sondern als Wesenskern. 

Vom Ton zur Farbe – die Verwandlung 

Der Übergang vom rohen, grauen Ton zur fertigen, farbigen Skulptur ist für mich jedes Mal wie eine kleine Wiedergeburt. Ich beginne mit den Grundtönen der Haut, in warmen, leicht rosigen Beigetönen, die ich in mehreren dünnen Schichten aufbaue, damit die Haut leuchtet und nicht flach wirkt. Dann kommen die Details: die roten Lippen, die ich bewusst kräftig und klar gehalten habe, damit sie einen Gegenpol zum warmen Hautton bilden. Die Wangen bekommen einen zarten Hauch Rosa, kaum wahrnehmbar, aber entscheidend dafür, dass das Gesicht lebendig statt maskenhaft wirkt. 

Die Blätter und der Kragen wurden zuletzt bemalt, mit lackartigen, glänzenden Farben, die einen bewussten Kontrast zur matten Haut bilden. Dieser Wechsel zwischen matten und glänzenden Oberflächen ist mir sehr wichtig geworden. Er lenkt das Licht auf unterschiedliche Weise, lässt manche Bereiche zurücktreten und andere hervortreten, ganz ähnlich wie ich es in meiner Malerei mit Spachteltechnik und Lasuren mache. 

Was diese Arbeit für mich bedeutet 

Diese Herbstkönigin ist für mich mehr als eine Übung in einem neuen Medium. Sie ist ein Symbol für einen Wendepunkt in meiner künstlerischen Reise. Nach Jahren der Malerei, in denen ich mich intuitiv durch Farbschichten, Palettmesser und abstrakte Kompositionen bewegt habe, war der Schritt in die Bildhauerei ein Wagnis. Aber es fühlt sich an wie eine natürliche Erweiterung dessen, was ich schon immer wollte: Gesichter, Ausdruck, Geschichten sichtbar machen, in welcher Form auch immer sie sich mir zeigen. 

Wenn ich diese Büste jetzt betrachte, mit ihrer Krone aus Herbstlaub, ihrem wachen grünen Blick und ihrem geheimnisvollen Pilzkragen, dann sehe ich darin auch ein Stück von mir selbst. Eine Frau, die sich immer wieder neu erfindet, die den Übergang zwischen den Jahreszeiten liebt, die im Vergehen genauso viel Schönheit findet wie im Werden. Der Herbst ist für mich nie ein trauriges Ende, sondern immer ein leuchtender, farbenprächtiger Höhepunkt – und genau das wollte ich mit dieser Skulptur einfangen. 

Ein Ausblick 

Diese Arbeit hat in mir eine neue Leidenschaft geweckt, die ich in den kommenden Monaten weiterverfolgen möchte. Vielleicht wird aus der Herbstkönigin bald eine ganze Reihe von Jahreszeiten-Büsten, jede mit ihrer eigenen Krone, ihrem eigenen Ausdruck, ihrer eigenen Geschichte. Der Frühling mit zarten Blüten im Haar, der Sommer mit vollen, satten Farben, der Winter mit stillen, silbrigen Formen. Für den Moment aber genieße ich es einfach, dieses eine Gesicht immer wieder zu betrachten, es von allen Seiten zu drehen und zu entdecken, wie sich sein Ausdruck mit jedem Lichteinfall verändert. Brigitte Seidl

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