Mein erster Schritt ins Abstrakte

Ich muss gestehen: Als ich zum ersten Mal ein Malmesser in die Hand genommen habe, um wirklich abstrakt zu malen, war mir mulmig zumute. Kunst hat für mich über all die Jahre etwas ganz anderes bedeutet. Wenn ich male, dann meistens, um etwas einzufangen, das ich vor mir sehe – eine Blume, eine Landschaft, ein Detail, das mich berührt hat, so nah wie möglich an ihrem eigentlichen Wesen. Ich liebe es, Formen zu erkennen, Farben abzugleichen, am Ende ein Ergebnis zu haben, das eine Ähnlichkeit zu etwas Realem trägt. Genau deshalb war dieser Ausflug ins Abstrakte für mich eine echte Herausforderung – vielleicht sogar die größte, der ich mich in letzter Zeit gestellt habe.

Für diese drei Bilder habe ich mit einem kleinen und einem mittleren Malmesser gearbeitet, keinem Pinsel. Das allein hat schon alles verändert. Ein Pinsel lässt sich führen, er folgt der Hand, man kann fein und kontrolliert arbeiten. Ein Malmesser dagegen hat einen eigenen Kopf. Man drückt die Farbe auf, zieht sie, schiebt sie, kratzt sie wieder weg – und das Ergebnis entsteht in diesem Moment, nicht vorher im Kopf. Ich habe schnell gemerkt, dass ich mit dieser Technik nicht mehr die volle Kontrolle habe, die ich sonst so schätze. Und genau das war am Anfang das Schwierigste für mich.

Loslassen als Teil des Prozesses

Wer mich kennt, weiß, dass ich Kunst gerne plane. Ich schaue mir mein Motiv an, überlege mir die Farbmischung, denke in Schritten. Beim Malen mit dem Messer funktioniert das so nicht. Man trägt die Farbe auf, verteilt sie in Schichten, arbeitet Nass-in-Nass – und was am Ende entsteht, ist zu einem großen Teil Zufall. Die Kanten des Messers hinterlassen Strukturen, die ich nicht vollständig vorhersehen kann. Manchmal entsteht durch eine einzige Bewegung eine Form, die aussieht wie eine Blüte, ein Blatt, ein Kristall – obwohl ich das gar nicht so geplant hatte. Und manchmal verschwindet genau das wieder unter der nächsten Farbschicht.

Am Anfang hat mich das fast ein bisschen nervös gemacht. Ich wusste über weite Strecken des Malprozesses nicht, wohin sich das Bild entwickelt. Es gab keinen klaren Plan, an dem ich mich festhalten konnte, kein Referenzfoto, das mir gesagt hätte: So soll es am Ende aussehen. Stattdessen musste ich mich auf den Moment einlassen, auf die Farbe, die Bewegung meiner Hand, das Gefühl, das gerade entsteht. Das ist etwas völlig anderes als meine sonstige Arbeitsweise – und ich merke, wie sehr mich das auch außerhalb der Leinwand beschäftigt hat. Vielleicht ist das ja auch eine kleine Lektion fürs Leben: nicht alles muss von Anfang bis Ende durchgeplant sein, um am Ende etwas Schönes zu ergeben.

Die drei Bilder

Das erste Bild zeigt eine Reihe von Blüten, die von einem satten, hellen Grün auf der linken Seite in ein tiefes Blau auf der rechten Seite übergehen. Ich habe hier mit vielen kleinen, strahlenförmigen Messerstrichen gearbeitet, die an distelartige Blüten erinnern – fast wie Kornblumen, die in Wellen aus dem dunklen, moosgrünen Hintergrund herauswachsen. Was mich an diesem Bild besonders fasziniert hat, war der Farbverlauf. Ich wollte eigentlich nur mit Grün beginnen, doch je weiter ich nach rechts gearbeitet habe, desto mehr hat sich Blau eingeschlichen, bis am Ende komplett blaue Blüten entstanden sind. Dieser Übergang war nicht geplant – er hat sich einfach ergeben, während ich gearbeitet habe. Im Nachhinein finde ich genau das schön: eine Art Reise von einer Farbe zur anderen, fast wie ein Blick auf denselben Moment zu unterschiedlichen Tageszeiten oder in unterschiedlichem Licht.

Das zweite Bild ist noch abstrakter. Hier sehe ich vertikale Farbfelder – ein zartes Cremeweiß, das in ein tiefes Violett übergeht, dann in ein kräftiges Blau und schließlich in ein leuchtendes Grün. Die einzelnen Messerstriche sind hier viel deutlicher sichtbar als im ersten Bild, fast wie kleine, aneinandergereihte Blöcke oder Kacheln, die eine dichte, fast kristalline Struktur ergeben. Dieses Bild ist für mich das freieste der drei geworden. Ich habe mich beim Malen komplett von der Farbe leiten lassen, ohne ein bestimmtes Motiv im Kopf zu haben. Es ging mir nur darum, wie eine Farbe in die nächste übergeht, wie sich Licht und Schatten innerhalb der Struktur verändern. Am Ende erinnert es mich an so vieles gleichzeitig – an ein Blumenfeld aus der Nähe betrachtet, an schmelzendes Eis, an eine Dämmerung, die von Kalt zu Warm wechselt. Und genau das mag ich an der Abstraktion: Jeder, der es betrachtet, kann darin etwas anderes erkennen.

Das dritte Bild schließlich ist ein ruhigeres, aber genauso strukturreiches Werk in Blau- und Grüntönen. Hier dominieren dunkle, fast marineblaue Flächen, die sich mit helleren, fast türkisfarbenen und grünen Bereichen abwechseln. Die Textur ist dicht, fast wie Eisschollen oder wie das Muster von Blättern, die sich im Wind bewegen. Dieses Bild hat mich am längsten beschäftigt, weil ich immer wieder neue Schichten aufgetragen habe, um die Tiefe zu erhöhen. Interessanterweise ist es das Bild, bei dem ich am Ende am wenigsten geplant, aber am meisten gefühlt habe. Ich habe einfach Farbe für Farbe aufgetragen, bis sich das Gesamtbild für mich stimmig angefühlt hat.

Was ich aus diesem Experiment mitnehme

Was mich am meisten überrascht hat, ist, wie sehr mich diese drei Bilder emotional berührt haben, obwohl sie kein konkretes Motiv zeigen. Bei meiner sonstigen Malerei weiß ich meistens genau, warum ein Werk für mich Bedeutung hat – weil es eine Erinnerung, einen Ort oder ein Lebewesen zeigt, das mir wichtig ist. Bei diesen abstrakten Arbeiten ist die Bedeutung viel offener. Sie entsteht nicht aus dem Motiv, sondern aus dem Prozess selbst: aus der Bewegung meiner Hand, aus der Entscheidung, welche Farbe als Nächstes kommt, aus dem Moment, in dem ich das Bild für fertig erklärt habe – obwohl ich am Anfang gar nicht wusste, wie dieser Moment aussehen würde.

Ich glaube, das ist auch der Grund, warum mir das Arbeiten mit dem Malmesser inzwischen so viel Freude bereitet, obwohl es anfangs eine echte Umstellung war. Es fordert mich heraus, loszulassen, mich auf den Prozess einzulassen, statt auf ein festes Ergebnis hinzuarbeiten. Es gibt keine Möglichkeit, perfekt zu planen, wie eine Fläche am Ende aussehen wird – man muss der Farbe und der Bewegung vertrauen. Und genau in diesem Vertrauen liegt für mich inzwischen ein großer Reiz.

Natürlich bin ich noch ganz am Anfang dieser neuen Reise. Ich würde mich nicht als abstrakte Malerin bezeichnen – noch nicht. Aber ich habe gemerkt, dass mir diese Herangehensweise etwas zurückgibt, das ich beim gegenständlichen Malen manchmal vermisse: die Überraschung. Bei realistischer Malerei weiß ich meistens schon vorher, wie das Ergebnis ungefähr aussehen wird, weil ich mich an der Realität orientiere. Bei diesen drei Bildern wusste ich es nicht – und genau das hat mich am Ende mit einer ganz eigenen Zufriedenheit erfüllt, wenn ich vor dem fertigen Werk stand.

Farben, die für sich sprechen

Was mir außerdem aufgefallen ist: Alle drei Bilder bewegen sich in einer ähnlichen Farbwelt – Grün, Blau, ein Hauch Violett. Das war nicht bewusst geplant, aber vielleicht kein Zufall. Diese Töne begleiten mich ohnehin durch mein Leben – durch meine Liebe zur Natur, zu Pflanzen, zu allem, was draußen wächst und sich bewegt. Selbst wenn ich mich von der klaren Form löse, scheinen diese Farben trotzdem meinen Weg zu finden. Vielleicht sagt das mehr über mich aus als jedes gegenständliche Motiv es könnte.

Ich freue mich schon darauf, weiter mit dem Malmesser zu experimentieren – vielleicht mit anderen Farbwelten, vielleicht mit größeren Formaten, vielleicht mit noch mehr Mut zum Zufall. Für den Moment bin ich einfach stolz, mich dieser neuen Technik gestellt zu haben, auch wenn – oder gerade weil – sie so anders ist als alles, was ich bisher gemalt habe.

Wenn ihr selbst schon einmal mit einem Malmesser gearbeitet habt oder euch an abstrakter Malerei versucht habt: Ich würde mich sehr freuen, eure Erfahrungen zu hören. Und wenn ihr euch, wie ich, eher im Gegenständlichen zu Hause fühlt – vielleicht ist dieser Beitrag ja eine kleine Ermutigung, es trotzdem einmal auszuprobieren. Man muss nicht wissen, wie das Ergebnis aussehen wird, um am Ende etwas zu schaffen, das einen berührt.

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