Es gibt Momente, die man sich nicht aussucht, sondern die einen einfach überkommen. Bei mir war es der Wunsch, endlich selbst zur Leinwand zu greifen – und zwar nicht klein und vorsichtig, sondern gleich richtig groß. Siebzig mal einhundert Zentimeter. Kein Format für die ersten zaghaften Versuche, würde man meinen. Aber genau so hat meine Reise mit der Malerei begonnen, und ich möchte euch heute davon erzählen, denn diese beiden Bilder – zwei Varianten desselben Motivs – bedeuten mir sehr viel.
Der Anfang: ein Glas, ein roter Grund und jede Menge Unsicherheit
Das erste Bild, das ich in meinem Leben gemalt habe, war genau dieses Glas vor dem tiefroten Hintergrund. Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, vor der leeren, riesigen Leinwand zu stehen und mich zu fragen, ob ich mir da nicht etwas zu viel zugemutet habe. Ein so großes Format als absolute Anfängerin – das klingt im Rückblick fast ein bisschen mutig, vielleicht auch ein wenig naiv. Aber genau diese Mischung aus Übermut und Neugier hat mich am Ende zum Pinsel greifen lassen.
Ich habe mich für Acrylfarben entschieden, und im Nachhinein war das eine der besten Entscheidungen, die ich als Anfängerin treffen konnte. Acrylfarben trocknen schnell, sie verzeihen Fehler, und – das ist der Punkt, auf den ich gleich noch zu sprechen komme – sie lassen sich problemlos übermalen. Für jemanden, der zum ersten Mal einen Pinsel in der Hand hält und noch nicht genau weiß, wohin die Reise gehen soll, ist das Gold wert. Man muss sich nicht für alle Zeit festlegen. Man darf ausprobieren, korrigieren, wieder von vorne beginnen. Diese Freiheit hat mir enorm geholfen, meine Angst vor dem „falschen Pinselstrich” zu verlieren.
Das Motiv selbst – ein großes, bauchiges Weinglas auf einem vergleichsweise winzigen Stiel und Fuß – hat für mich von Anfang an eine ganz eigene, fast augenzwinkernde Bedeutung gehabt. Es sollte zeigen: Man kann ruhig ein großes Glas Wein genießen, ausgelassen sein, sich dem Leben mit vollen Zügen widmen – und trotzdem auf einem kleinen, bescheidenen Fuß stehen bleiben. Nicht abheben. Geerdet bleiben, auch wenn das Glas – im übertragenen Sinne – mal übervoll ist. Ich mag diese kleine Ironie in meinem eigenen Bild sehr. Kunst darf auch schmunzeln lassen, finde ich.
Warum das erste Bild so lange gedauert hat
Ich will ehrlich sein: Dieses Bild hat mich viel Zeit gekostet. Viel mehr, als ich am Anfang gedacht hätte. Das lag nicht am Motiv selbst – ein Glas ist ja eigentlich eine überschaubare Form – sondern an mir. An meinen eigenen Zweifeln, die sich immer wieder zwischen mich und die Leinwand geschoben haben. Ist die Perspektive stimmig? Wirkt das Glas transparent genug? Stimmen die Proportionen zwischen der großen Kuppa und dem schmalen Stiel? Jede dieser Fragen hat mich innehalten lassen, manchmal für Tage.
Rückblickend würde ich sagen: Diese Unsicherheiten gehören einfach dazu, wenn man als Autodidaktin beginnt. Niemand malt sein erstes großformatiges Bild in einem Rutsch, ohne zu zweifeln. Und ich glaube, genau diese Phasen des Zögerns, des Innehaltens, des noch einmal genauer Hinschauens haben mich am Ende mehr gelehrt als jeder zügig heruntergemalte Pinselstrich es je hätte tun können. Man lernt beim Zweifeln oft mehr als beim reinen Tun – weil man gezwungen ist, genau hinzuschauen, zu vergleichen, zu verstehen, warum etwas noch nicht funktioniert.
Die changierenden Grau-, Beige- und leicht rosafarbenen Streifen im Glas selbst waren mir wichtig, um den Eindruck von Licht zu erzeugen, das sich in der gewölbten Glasform bricht. Ich habe lange an diesen vertikalen Strukturen gearbeitet, bis sie für mich tatsächlich wie Reflexionen auf gebogenem Glas aussahen und nicht einfach wie Streifen auf einer flachen Fläche. Der zarte rosafarbene Wein am oberen Rand der Kuppa sollte einen Hauch von Farbe, von Genuss, von Leichtigkeit ins Bild bringen, ohne dabei zu aufdringlich zu wirken.
Der tiefrote Hintergrund – und warum ich ihn nicht behalten habe
Der ursprüngliche Hintergrund dieses Bildes war ein sattes, fast samtiges Weinrot, in groben, energischen Strichen aufgetragen, die alle auf einen Punkt im oberen Bereich der Leinwand zuzulaufen scheinen. Ich mochte diese Dynamik sehr – das strahlenförmige Muster gibt dem Glas eine fast magnetische Anziehungskraft, als würde der ganze Raum auf dieses eine Objekt hinweisen. Für den Anfang war dieses Rot genau richtig. Es passte zum Thema Wein, es hatte Tiefe, es hatte Kraft.
Aber mit der Zeit – und das ist etwas, das ich an der Malerei so liebe – verändert sich der eigene Blick auf ein Bild. Was mir am Anfang gefallen hat, hat mich später nicht mehr vollständig überzeugt. Das kräftige Rot fühlte sich irgendwann zu dominant an, zu schwer, zu sehr im Vordergrund stehend, obwohl doch eigentlich das Glas die Hauptrolle spielen sollte. Und genau hier kommt wieder die wunderbare Eigenschaft der Acrylfarbe ins Spiel: Ich konnte einfach umdenken und umsetzen. Kein aufwendiges Abschleifen, keine komplizierte Grundierung wie bei anderen Techniken – ich habe die Leinwand einfach neu bemalt.
Die Verwandlung: von Weinrot zu einem kühlen Türkis-Blau
Das zweite Bild, das ihr hier seht, ist genau diese Überarbeitung. Ich habe mich für einen ganz anderen Ton entschieden: ein kühles, fast eisiges Türkis-Blau, das dem Bild eine völlig neue Stimmung verleiht. Wo vorher Wärme, Kraft und eine gewisse Opulenz herrschten, ist jetzt Ruhe, Klarheit und eine fast winterliche Frische eingezogen. Das Glas selbst wirkt jetzt viel gläserner, fast wie aus Eis geformt, die changierenden Streifen im Inneren erinnern eher an gefrorenes Wasser als an schimmerndes Weinrot.
Ich finde es faszinierend, wie stark ein einziger Farbwechsel im Hintergrund die gesamte Aussage eines Bildes verändern kann, obwohl das Hauptmotiv – das Glas mit seinem schmalen Fuß – vollkommen unverändert geblieben ist. Die Botschaft von vorhin, das kleine Augenzwinkern über das große Glas auf kleinem Fuß, bleibt bestehen. Aber die Atmosphäre drumherum hat sich komplett gewandelt. Aus einem warmen, einladenden, fast festlichen Bild ist etwas Zurückhaltendes, Nachdenkliches, fast Meditatives geworden.
Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie viel Gestaltungsspielraum in der Acrylmalerei steckt, gerade für Menschen, die – wie ich – am Anfang ihrer künstlerischen Reise stehen. Man muss sich nicht sofort für immer festlegen. Ein Bild darf sich entwickeln, genau wie man selbst sich als Malende weiterentwickelt. Was am Anfang richtig erschien, kann später noch einmal überdacht werden – und das ist keine Schwäche, sondern eigentlich das Schöne an einem Medium, das so viel Flexibilität erlaubt.
Was ich aus diesem allerersten Bild gelernt habe
Rückblickend war dieses Bild – in beiden seinen Versionen – eine Art Schule für mich. Ich habe gelernt, wie man mit großen Flächen umgeht, ohne dass sie leer oder langweilig wirken. Ich habe gelernt, mit Struktur und Textur zu arbeiten, denn wenn man genau hinschaut, seht ihr, dass sowohl der Hintergrund als auch das Glas selbst eine spürbare Oberflächenstruktur haben, die dem Bild Tiefe und Lebendigkeit verleiht. Ich habe gelernt, geduldig zu sein – mit der Farbe, mit der Technik, aber vor allem mit mir selbst.
Und ich habe vor allem eines gelernt: dass Unsicherheit kein Grund ist, aufzuhören. Es gab so viele Momente, in denen ich am liebsten den Pinsel weggelegt hätte, weil ich das Gefühl hatte, das Ergebnis entspreche nicht dem, was ich mir vorgestellt hatte. Aber genau in diesen Momenten liegt, wie ich heute weiß, der eigentliche Lernprozess. Man wächst nicht an den Bildern, die einem leichtfällt, sondern an denen, die einen herausfordern, die einen zweifeln lassen und die einen zwingen, noch einmal genauer hinzuschauen.
Zwei Bilder, eine Geschichte
Für mich sind diese beiden Bilder heute wie ein kleines Tagebuch meiner ersten Schritte in der Malerei. Das eine erinnert mich an den Mut, den es gebraucht hat, überhaupt anzufangen – an die Energie und Wärme des roten Hintergrunds, an die vielen Stunden voller Zweifel und Konzentration. Das andere zeigt mir, dass Weiterentwicklung immer möglich ist, dass man auch nach Abschluss eines Werkes noch einmal zurückkehren und es neu interpretieren darf.
Ich hänge sehr an diesem Motiv, an diesem großen Glas mit dem winzigen Fuß, das für mich zu einer Art persönlichem Symbol geworden ist. Es steht für Genuss ohne Übertreibung, für Freude am Leben, gepaart mit Bodenständigkeit. Für die Fähigkeit, groß zu träumen und trotzdem mit beiden – oder in diesem Fall mit einem – Füßen auf dem Boden zu bleiben.
Wenn ihr selbst überlegt, mit dem Malen zu beginnen, kann ich euch aus eigener Erfahrung nur ermutigen: Fangt an, auch wenn ihr euch unsicher fühlt. Wählt vielleicht, wie ich, Acrylfarben für den Einstieg – sie verzeihen viel und erlauben es euch, Fehler zu korrigieren, Ideen zu verändern und Bilder im Laufe der Zeit neu zu denken, so wie ich es mit meinem allerersten Werk getan habe. Und vor allem: Lasst euch von der Größe der Leinwand nicht einschüchtern. Manchmal ist es gerade das große Format, das einen dazu zwingt, über sich hinauszuwachsen.
Ich freue mich schon darauf, euch mehr von meinem kreativen Weg zu zeigen – von den Bildern, die noch kommen werden, und von all den kleinen und großen Lektionen, die ich dabei lerne. Dieses erste Glas, in seinen zwei Farbwelten, wird für mich immer einen besonderen Platz behalten.
