Wenn der Föhn zum Pinsel wird – mein erstes Experiment mit dicker Acrylfarbe 

Es gibt diese Momente, in denen man etwas völlig Neues ausprobiert und schon nach den ersten Minuten spürt: Das hier verändert etwas in mir. Genau so ist es mir mit meinem jüngsten Kunstprojekt ergangen. Ich habe mich zum ersten Mal an eine Technik gewagt, von der ich vorher nur gelesen hatte – Acrylfarbe dick auf die Leinwand auftragen und sie dann, statt mit Pinsel oder Spachtel zu verteilen, einfach mit einem Föhn in Bewegung zu bringen. Klingt verrückt? Genau das war es auch. Und genau deshalb hat es mich sofort gepackt. 

Der Anfang: Zwischen Respekt und Neugier 

Ich muss ehrlich zugeben, dass ich vor dieser Technik ziemlichen Respekt hatte. Normalerweise plane ich meine Bilder, überlege mir Farbverläufe, denke in Kompositionen. Hier sollte ich all das loslassen. Dicke Acrylfarbe – wirklich dick, fast wie Sahne, die man auf einen Kuchen streicht – auf die Leinwand zu geben und sie dann der puren Luftbewegung eines Föhns auszusetzen, bedeutet auch: Kontrolle abzugeben. Und das fiel mir anfangs nicht leicht. 

Ich habe mir mehrere Farbtöne bereitgelegt – ein sattes Korallrot, ein leuchtendes Orange, ein zartes Türkis, ein helles Zitronengelb und ein sanftes Flieder. Schon beim Auftragen der ersten Farbschicht wurde mir klar, dass diese Technik etwas ganz anderes von mir verlangt als das, was ich bisher kannte. Es geht nicht darum, präzise zu sein. Es geht darum, loszulassen. 

Der Prozess: Wenn Luft zum Werkzeug wird 

Sobald der Föhn angeht, verändert sich alles. Die Farbe, die eben noch wie ein ruhiger, dicker Farbklecks auf der Leinwand lag, beginnt sich zu bewegen – manchmal sanft, manchmal fast explosionsartig. Kleine Rinnsale bilden sich, Farbwellen schieben sich ineinander, Ränder verschwimmen und neue Formen entstehen, die ich in diesem Moment noch gar nicht vorhersehen kann. 

Was mich an dieser Technik besonders fasziniert hat, ist das Element der Unvorhersehbarkeit. Man hat eine grobe Vorstellung – vielleicht möchte man, dass sich die roten und orangen Töne in der Mitte begegnen, während die kühleren Farben wie Türkis und Flieder an den Rändern bleiben. Aber wie genau sich die Farben mischen, wo sie sich berühren, welche kleinen Muster und Texturen dabei entstehen, das entscheidet am Ende die Physik. Die Luftströmung, die Konsistenz der Farbe, der Winkel, in dem man den Föhn hält, die Distanz zur Leinwand – all das spielt zusammen und erzeugt ein Ergebnis, das kein zweites Mal exakt so wiederholbar wäre. 

Ich habe gemerkt, wie sich meine Hand mit der Zeit “eingespielt” hat. Am Anfang war ich vorsichtig, fast zögerlich. Nach einer Weile begann ich, mutiger zu werden – den Föhn näher an die Farbe zu halten, um scharfe, fast zerfranste Ränder zu erzeugen, oder ihn aus größerer Distanz sanft über die Leinwand wandern zu lassen, um weichere Übergänge zu schaffen. Es war fast wie ein Dialog zwischen mir und dem Material. Ich gebe einen Impuls, die Farbe reagiert, ich reagiere wieder auf das, was ich sehe – und so entsteht Schritt für Schritt ein Bild, das ich am Anfang so nicht geplant hatte. 

Die Farben und ihre eigene Sprache 

Das Ergebnis, das vor mir liegt, ist eine Landschaft aus Farbe geworden – fast wie eine Luftaufnahme aus der Vogelperspektive, wie eine geologische Formation oder eine Unterwasserwelt. Links dominieren warme, erdige Töne, dunkle, fast brandige Flächen, die sich mit kräftigem Korallrot abwechseln. In der Mitte bildet sich ein leuchtend gelb-orange-roter Kern, der fast wie eine Sonne oder ein pulsierendes Zentrum wirkt. Nach rechts hin wird die Palette kühler – Türkis- und Mintöne breiten sich aus, durchsetzt von helleren, fast schaumigen Weißanteilen, die an Meeresgischt erinnern. Im unteren Bereich schließlich treffen violette und fliederfarbene Flächen auf tiefes Waldgrün und Dunkelblau. 

Was mich am meisten überrascht hat: Ich hatte diese Farbkombination nicht bewusst so geplant. Ich wollte einfach ausprobieren, wie warme und kühle Farben aufeinandertreffen, wenn man sie nicht mit dem Pinsel vermischt, sondern von Luft ineinander schieben lässt. Das Resultat wirkt für mich wie eine Art abstrakte Landschaft – manche sagen, sie erinnere sie an Satellitenbilder, andere sehen darin geschmolzenes Gestein oder eine Mischung aus Feuer und Wasser. Ich finde es spannend, dass jeder Mensch, der das Bild betrachtet, etwas anderes darin erkennt. 

Was diese Technik mit mir gemacht hat 

Ich beschäftige mich schon länger mit Kunst, mit Kreativität, mit dem Ausprobieren neuer Materialien und Techniken. Aber diese hier hat etwas in mir ausgelöst, das ich so noch nicht kannte. Es geht um Kontrollverlust – im positiven Sinn. Man kann planen, man kann vorbereiten, man kann Farben auswählen und eine grobe Richtung vorgeben. Aber am Ende entscheidet die Bewegung der Luft, wie sich die Farbe wirklich verteilt. Das erinnert mich fast an das Leben selbst: Man kann die Rahmenbedingungen schaffen, aber wie sich die Dinge am Ende genau entfalten, liegt nicht vollständig in der eigenen Hand. 

Für mich persönlich war das eine befreiende Erfahrung. Ich neige sonst eher dazu, Dinge zu kontrollieren, genau zu planen, Ergebnisse vorherzusehen. Hier musste ich lernen, dem Prozess zu vertrauen. Und genau das macht für mich den besonderen Reiz dieser Technik aus – man arbeitet mit dem Material, nicht gegen es. 

Technische Learnings für alle, die es selbst ausprobieren möchten 

Für alle, die das auch mal ausprobieren wollen, teile ich hier gerne ein paar Beobachtungen aus meiner ersten Session: 

Die Konsistenz der Farbe ist entscheidend. Zu dünn aufgetragene Farbe verteilt sich zu schnell und verliert an Struktur. Zu dick aufgetragene Farbe bewegt sich kaum. Ich habe die beste Wirkung erzielt, wenn die Farbe “sahnig” bis “puddingartig” war – dick genug, um Struktur zu halten, aber flüssig genug, um vom Luftstrom mitgenommen zu werden. 

Die Reihenfolge der Farben beeinflusst das Ergebnis stark. Wenn man hellere Farben zuerst aufträgt und dunklere darüber, entstehen andere Effekte, als wenn man umgekehrt vorgeht. Ich habe mit beiden Varianten experimentiert und dabei völlig unterschiedliche Texturen bekommen. 

Der Abstand und Winkel des Föhns verändern alles. Aus der Nähe entstehen scharfe, fast explosive Muster mit klaren Rändern. Aus größerer Entfernung verteilt sich die Farbe sanfter, die Übergänge werden weicher und fließender. 

Geduld gehört dazu. Man kann nicht alles auf einmal bearbeiten. Ich habe in mehreren Etappen gearbeitet – Farbe auftragen, föhnen, kurz trocknen lassen, dann die nächste Schicht oder den nächsten Bereich bearbeiten. So entsteht eine Art Tiefenwirkung, weil ältere, bereits leicht angetrocknete Schichten mit neuer, noch beweglicher Farbe interagieren. 

Der Untergrund spielt eine Rolle. Ich habe auf stabilem Leinwandkarton gearbeitet, der der Hitze und Bewegung standhält. Ein zu dünner oder instabiler Untergrund würde sich unter der Belastung verziehen. 

Sicherheit nicht vergessen. Ein Föhn erzeugt nicht nur Luftbewegung, sondern auch Wärme – das beschleunigt zusätzlich das Antrocknen der Farbe an den Rändern, was wiederum neue, interessante Texturen erzeugt. Man sollte allerdings darauf achten, ausreichend Abstand zu halten und den Arbeitsbereich gut zu belüften. 

Warum ich diese Technik lieben gelernt habe 

Es gibt Kunsttechniken, die man mit dem Kopf steuert, und es gibt Techniken, die man mit dem Bauch fühlt. Diese hier gehört für mich klar zur zweiten Kategorie. Man kann nicht jeden Farbverlauf exakt vorausberechnen. Man kann nicht genau wissen, wie sich zwei Farben begegnen werden, bevor der Luftstrom sie tatsächlich zusammenführt. Das erzeugt eine Spannung während des gesamten Prozesses – eine Mischung aus Vorfreude und Überraschung, die ich sonst selten in meiner künstlerischen Arbeit erlebe. 

Gleichzeitig hat mich überrascht, wie viel handwerkliches Feingefühl in dieser vermeintlich “chaotischen” Technik steckt. Es sieht spontan aus, ist es in gewissem Maße auch – aber mit der Zeit entwickelt man ein Gespür dafür, wie man den Föhn führen muss, um bestimmte Effekte zu erzielen. Es ist eine Mischung aus Kontrolle und Kontrollverlust, aus Planung und Zufall, die für mich unglaublich reizvoll ist. 

Ein Blick auf das fertige Bild 

Wenn ich jetzt auf das fertige Werk schaue, sehe ich darin so viele verschiedene Geschichten. Manchmal wirkt es auf mich wie eine Landschaft aus der Vogelperspektive – Berge, Täler, Flüsse aus Farbe. Manchmal erinnert es mich an geschmolzenes Gestein, an vulkanische Aktivität, an das Zusammentreffen von Feuer und Wasser. An anderen Tagen sehe ich darin eher etwas Emotionales – die warmen Farben im Zentrum wie ein pulsierendes Herz, umgeben von kühleren, ruhigeren Tönen. 

Das ist für mich auch das Schöne an abstrakter Kunst: Sie lässt Raum für Interpretation. Es gibt kein “richtig” oder “falsch” beim Betrachten. Jeder Mensch bringt seine eigene Perspektive, seine eigene Stimmung, seine eigenen Erinnerungen mit, wenn er auf ein solches Bild schaut. 

Was als Nächstes kommt 

Dieses erste Experiment mit Föhn und dicker Acrylfarbe war erst der Anfang. Ich merke schon jetzt, wie viele Fragen und Ideen dadurch in mir wachsen. Was passiert, wenn ich mit noch dickeren Farbschichten arbeite? Wie verändert sich das Ergebnis, wenn ich verschiedene Föhnstufen kombiniere – mal heiß und stark, mal kühl und sanft? Wie würde es aussehen, wenn ich metallische oder irisierende Farbpigmente einarbeite, die im Licht changieren? 

Ich freue mich schon darauf, diese Technik weiterzuentwickeln, mit neuen Farbkombinationen zu experimentieren und zu sehen, wohin mich dieser Weg noch führt. Für mich ist das mehr als nur eine neue Maltechnik – es ist eine Erinnerung daran, wie viel Freude es machen kann, etwas völlig Neues zu wagen, auch wenn man am Anfang nicht genau weiß, wohin die Reise geht. 

Wenn ihr selbst Lust bekommen habt, das auszuprobieren: Traut euch! Nehmt dicke Acrylfarbe, einen Föhn, eine stabile Unterlage – und lasst einfach mal los. Manchmal entstehen die schönsten Dinge genau dann, wenn wir aufhören, alles kontrollieren zu wollen. 

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Brigitte Seidl

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