Malen ist für mich seit jeher ein Weg, mich auszudrücken, wenn Worte nicht ausreichen. Es beginnt meist mit einem Gefühl, einem Bild, das sich in meinem Kopf festsetzt und nicht mehr loslässt, bis ich es auf die Leinwand bringe. In den letzten Wochen sind drei Acrylbilder entstanden, die alle auf ihre eigene Weise von Natur, Rückzug und dem Zauber des Augenblicks erzählen. Ich möchte euch heute mitnehmen auf eine kleine Reise durch diese drei Werke – durch die Gedanken, die dahinterstecken, die Techniken, die ich verwendet habe, und die Stimmungen, die ich einfangen wollte.
Bild 1: Unter blühenden Bäumen
Das erste Bild ist wohl das, das mir am meisten Ruhe geschenkt hat, während ich daran gearbeitet habe. Eine Reihe blühender Bäume, in zartem Rosa und strahlendem Weiß, erstreckt sich über eine sanft hügelige Wiese. Der Himmel dahinter ist in gedeckten Blau- und Grüntönen gehalten, fast schon melancholisch, fast wie kurz vor einem Sommergewitter – und genau dieser Kontrast zwischen der Zartheit der Blüten und der Schwere des Himmels hat mich beim Malen am meisten fasziniert. Es ist dieses Spannungsfeld, das mich immer wieder zu Landschaftsmotiven zieht: das Zerbrechliche neben dem Mächtigen, das Vergängliche neben dem Beständigen.
Wenn man genau hinschaut, entdeckt man am Fuß eines der Bäume eine kleine Figur, die im Schatten sitzt, umgeben von herabfallenden Blütenblättern. Diese Figur war mir wichtig. Sie erdet das Bild, gibt ihm einen menschlichen Bezugspunkt inmitten der überwältigenden Blütenpracht. Ich wollte damit auch etwas von meiner eigenen Beziehung zur Natur einfangen: das Gefühl, unter einem Baum zu sitzen, den Duft der Blüten wahrzunehmen, dem Wind zu lauschen und für einen Moment ganz bei sich selbst zu sein. Gerade jetzt, wo ich so viel Zeit draußen verbringe – ob beim Spazierengehen mit meinen Hunden oder einfach beim Innehalten in der Natur – ist dieses Bild fast wie ein kleines Selbstporträt meiner Seele geworden.
Technisch habe ich hier viel mit dem Trockenpinsel gearbeitet, um die unzähligen kleinen Blütenblätter zu erzeugen. Es war eine geduldige, fast meditative Arbeit, Punkt für Punkt, Tupfen für Tupfen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass gerade diese repetitiven Techniken mir am meisten Ruhe bringen – ein bisschen wie eine Form der Meditation mit dem Pinsel in der Hand. Die Bäume selbst habe ich bewusst knorrig und lebendig gestaltet, mit dunklen, fast schwarzen Stämmen, die einen starken Kontrast zu den hellen Kronen bilden. Für mich symbolisieren diese Bäume Widerstandsfähigkeit: Trotz ihres Alters, trotz ihrer knorrigen Form, bringen sie jedes Jahr aufs Neue diese überwältigende Blütenpracht hervor. Das ist eine Botschaft, die mich sehr berührt – dass aus dem, was auf den ersten Blick hart und gezeichnet wirkt, die zarteste Schönheit entstehen kann.
Bild 2: Der verborgene Garten
Das zweite Bild hat eine ganz andere Textur und Energie. Hier habe ich mit viel dickerem Farbauftrag gearbeitet, fast schon reliefartig, sodass die Oberfläche selbst zu einem Teil der Aussage wird. Man sieht einen dichten, grünen Garten mit knorrigen Bäumen im Vordergrund, dahinter kugelförmig geschnittene Büsche und ganz im Hintergrund, fast verborgen zwischen den Bäumen, ein kleines weißes Haus mit blühenden Blumenkästen vor den Fenstern.
Dieses Bild ist für mich eine Liebeserklärung an das Verborgene, das Geheime. Es erinnert mich an die vielen kleinen Gärten und Grundstücke hier in der Region um Baden-Baden, die man von der Straße aus kaum sieht, die sich aber hinter Hecken und Bäumen zu kleinen Paradiesen entfalten. Ich liebe diese Vorstellung, dass hinter jeder grünen Wand, jedem dichten Blätterdach ein Ort der Ruhe und Geborgenheit liegen kann. Das kleine Haus im Hintergrund ist bewusst klein und fast schüchtern gemalt – es drängt sich nicht in den Vordergrund, sondern lädt eher zum Entdecken ein.
Die Textur dieses Bildes war mir besonders wichtig. Ich habe hier mit Spachtel und dickem Pinselauftrag gearbeitet, um den Bäumen und Büschen eine fast dreidimensionale Präsenz zu verleihen. Wenn man nah herangeht, sieht man förmlich die Struktur der Blätter, die Unebenheiten der Rinde, die Lebendigkeit des Gartens. Diese Herangehensweise – Farbe nicht nur als Fläche, sondern als Material zu begreifen – fasziniert mich immer wieder aufs Neue. Es erinnert mich ein bisschen an das Kochen, an das Experimentieren mit Zutaten und Texturen: Man arbeitet mit dem Material, lässt sich von ihm leiten, und manchmal entsteht dabei etwas völlig anderes, als man ursprünglich geplant hatte.
Die erdig-orange Farbe im Vordergrund, die den Weg oder Boden andeutet, sollte einen warmen Gegenpol zu all dem satten Grün bilden. Für mich steht diese Farbe für die Erde selbst, für das Fundament, auf dem all dieses Wachstum erst möglich wird. Ich habe beim Malen oft an meine eigenen kleinen Rituale gedacht – die täglichen Spaziergänge draußen, die bewusste Zeit in der Natur, die für mich nicht nur schön, sondern auch wichtig für mein Wohlbefinden ist. Dieses Bild ist für mich ein stiller Rückzugsort, ein Ort, an den ich mich in Gedanken immer wieder zurückziehen kann.
Bild 3: Blick durch die Blumen
Das dritte Bild sprengt bewusst den Rahmen der klassischen Landschaftsmalerei. Es zeigt eine Art Fenster oder Gitterstruktur, durch die man auf eine überbordende Blumenpracht blickt – Hortensien in zartem Flieder und strahlendem Weiß, feurige Dahlien in Rot und Orange, dunkle, fast schwarzviolette Blüten, die sich gegen einen satten grünen Hintergrund abheben. Die Fensterstruktur selbst, mit ihren dunklen Sprossen, gibt dem Bild eine fast grafische, fast an Glasmalerei erinnernde Qualität.
Dieses Bild ist das experimentellste der drei und hat mir beim Malen am meisten Freiheit gegeben. Ich wollte hier nicht eine reale Szene abbilden, sondern vielmehr ein Gefühl: das Gefühl, durch ein Fenster in eine andere, intensivere Welt zu blicken. Die Farben sind bewusst kräftiger, gesättigter als in den anderen beiden Bildern – fast schon opulent. Es sollte etwas von der Überwältigung eines Sommergartens einfangen, dieses Gefühl, wenn man in einen blühenden Garten tritt und für einen Moment von der schieren Farbenpracht überwältigt wird.
Die Gitterstruktur, die das Bild in einzelne Segmente teilt, hat für mich eine doppelte Bedeutung. Zum einen erinnert sie an ein Fenster, an eine Grenze zwischen drinnen und draußen, zwischen Betrachter und Natur. Zum anderen wirkt sie fast wie die Bleiverglasung eines Kirchenfensters, was dem Bild eine fast andächtige, fast sakrale Note verleiht. Für mich hat die Natur tatsächlich oft etwas Sakrales – einen Moment der Stille und des Staunens, den ich immer wieder in meinem Alltag suche. Wenn ich draußen bin, sei es beim Gassigehen mit meinen Hunden oder einfach beim bewussten Beobachten meiner Umgebung, erlebe ich oft genau dieses Gefühl: als würde ich durch ein Fenster in etwas Größeres blicken.
Technisch habe ich hier mit sehr dickem, fast skulpturalem Farbauftrag gearbeitet, besonders bei den Blüten. Jede einzelne Blume ist wie ein kleines dreidimensionales Objekt auf der Leinwand, mit Spachtel und Pinsel modelliert. Diese Technik erlaubt es mir, mit Licht und Schatten zu spielen, sodass die Blüten je nach Blickwinkel und Lichteinfall unterschiedlich wirken – mal zart und durchscheinend, mal kräftig und plastisch. Ich liebe diesen haptischen Aspekt der Malerei, die Vorstellung, dass ein Bild nicht nur mit den Augen, sondern fast auch mit den Fingerspitzen erfahrbar sein kann.
Was diese drei Bilder verbindet
Auch wenn die drei Bilder auf den ersten Blick sehr unterschiedlich wirken – unterschiedliche Techniken, unterschiedliche Farbpaletten, unterschiedliche Kompositionen – verbindet sie doch ein gemeinsamer roter Faden: meine tiefe Verbundenheit mit der Natur und die Suche nach Momenten der Stille inmitten von Fülle und Wachstum. Ob unter blühenden Bäumen, in einem verborgenen Garten oder durch ein Fenster auf ein Blumenmeer blickend – in allen drei Bildern geht es mir um diesen einen Moment des Innehaltens, des bewussten Wahrnehmens.
Ich glaube, das hat auch viel mit meiner persönlichen Lebensweise zu tun. Ich verbringe so viel Zeit wie möglich draußen, beobachte die Jahreszeiten, die Pflanzen, das Licht. Diese Beobachtungen fließen ganz automatisch in meine Bilder ein, auch wenn ich nicht bewusst eine reale Szene abmale. Es sind eher Erinnerungsfragmente, Gefühle, die sich zu einer neuen Landschaft zusammensetzen.
Für mich ist Malen auch ein Prozess des Loslassens. Ich beginne selten mit einem festen Plan, sondern lasse mich von der ersten Farbfläche, dem ersten Pinselstrich leiten. Manchmal entsteht dabei etwas völlig anderes, als ich ursprünglich im Kopf hatte – und genau das macht für mich den Reiz aus. Es ist ein bisschen wie beim Kochen: Man hat eine Grundidee, aber die eigentliche Magie entsteht oft erst während des Prozesses, durch Experimentieren, durch das Reagieren auf das, was gerade vor einem entsteht.
Ich hoffe, diese drei Bilder können auch euch für einen Moment innehalten lassen – vielleicht während ihr durch Pinterest scrollt, mitten im hektischen Alltag. Vielleicht erinnert euch eines der Bilder an einen eigenen Garten, an einen blühenden Baum, den ihr einmal gesehen habt, oder einfach an das Gefühl, draußen in der Natur zu sein. Genau das würde mich sehr freuen.
Wenn euch diese Bilder gefallen, schaut gerne öfter vorbei – ich teile hier regelmäßig neue Werke, Einblicke in meinen Malprozess und kleine Geschichten rund um meine Kunst. Jedes Bild erzählt für mich eine eigene kleine Geschichte, und ich freue mich immer sehr, diese Geschichten mit euch zu teilen. Bis bald, und danke, dass ihr euch die Zeit genommen habt, mit mir durch diese drei Bilder zu wandern.
Brigitte Seidl

